Gestern wäre er 120 Jahre alt geworden, der grosse J. R. R. Tolkien, und wird von den Fans noch immer schmerzlich vermisst. Was hätte der noch schreiben können, wenn sein so langes Leben noch länger gewesen wäre! Obwohl, das Werk, das er uns Liebhabern und Bewunderern hinterlassen hat, ist in seiner Geschlossenheit so gewaltig und vielschichtig, so bis ins letzte Atom durchdacht, das man Mittelerde ewig durchwandern kann, sei es im Geiste oder indem man die entsprechenden Bücher wieder und wieder von vorne liest.

Tolkiens Geburtstag passt gut zu meinen derzeitigen Leseabenteuern, denn da ich momentan viel Zeit zuhause verbringe, kann ich mich mit Muße dem Genre widmen, welches mich in meiner Kindheit fasziniert, mich viele Jahrzehnte lang dann gar nicht interessiert, und mit zunehmendem Lebensalter wieder ordentlich gepackt hat: Fantasy.

In meiner grossen Zeit als Science Fiction-Fan, beim Buchhändler meines Vertrauens, hat es mich immer verwundert und geärgert, dass der Anteil an SF-Neuerscheinungen und entsprechenden Klassikern dort im Vergleich zum Fantasygenre immer so verschwindend gering war; die Science Fiction-Bücher (von denen ich die meisten sowieso schon besaß) waren auf zwei popeligen Ständern verteilt, während die Fantasy nebenan jeden Tag an Umfang zunahm, nach allen Seiten hin wucherte. Neidisch stellte ich mir vor, welche Auswahl man da zur Verfügung hatte.

Später, als ich (durch die HdR-Trilogie von Peter Jackson) und durch die Intervention einiger guter Freunde Tolkien wiederentdeckte und mit neugewonnener Ehrfurcht in sein wunderbares Schriftwerk eintauchte, wurde mir klar, dass das Genre der guten Fantasy eigentlich sehr überschaubar ist, im Endeffekt wahrscheinlich noch viel überschaubarer als gute, neue Science Fiction. Im Zuge der erwähnten Filmtrilogie entstand da nämlich ein Boom, der hauptsächlich mittelmässige bis unfassbar schlechte Autoren nach oben spülte, die auf die eine oder andere Weise versuchten, Elben, Zwerge und Trolle gewinnbringend zu verwursten. Und dass auf der Rückseite jedes neuen Fantasywälzers die Werbebotschaft “Der neue Herr der Ringe!” oder “Der neue Tolkien!” zu lesen war, hielt ich für einen bitteren Witz, eigentlich eine Anti-Kaufempfehlung.

Denn dass manche Verfasser sogenannter “Völkerromane” auch nur ansatzweise an die Grösse von Tolkien (den ich neben Lem, Dick und Lovecraft zu den vier wichtigsten Phantastik-Schriftstellern überhaupt zähle) jemals herankommen würden, ist so gut wie ausgeschlossen, entsprechende Aussagen stellen bloß ein ungeheures Sakrileg dar. Punkt.

Lässt man aber diese unselige Vergleicherei einmal weg, gibt es natürlich noch weitere wunderbare Autoren und Romane im Fantasy-Genre zu entdecken, und dieser Entdeckungsreise widme ich mich nun seit geraumer Zeit. Was mich an der (niveauvollen) Genreliteratur vor allem anzieht, ist der sorgsame Weltenbau. Das ist nämlich etwas, dass in der Science Fiction-Literatur überaschenderweise nicht so umfassend geschieht, wie ich das gerne hätte, zugegebenermassen bin ich da anspruchsvoll – ich wünsche mir ein bis aufs letzte ausgearbeitetes, in sich stimmiges, uraltes Universum, dessen Zeitalter und Geschehnisse mich über einen möglichst langen Zeitraum beschäftigen sollen.

So ein Universum zu bauen, ist ja praktisch fast eine Lebensaufgabe, in einem Thread des Fantasy-Forums hat eine Teilnehmerin darauf hingewiesen, was alles an Vorarbeit nötig ist, um das nachvollziehbar hinzukriegen: ”Sowas wie Flora und Fauna, die Geologie, das Wetter, Ressourcen und ähnliches sind wichtig. Nicht unbedingt sofort am Anfang, aber man muss alles irgendwie im Hinterkopf haben, um überzeugend davon schreiben zu können. Das geht zum Teil soweit, daß du im Grunde wissen musst welche Vegetation sich bei welchem Klima ausbreitet, welche Pflanzen reine Kulturfolger sind, welche Tiere den gleichen Lebensraum einnehmen und welche nie zusammen vorkommen, Unterschiede zwischen Wald und Forst…”.

Bei so einem Weltenbau kommt man natürlich auch nicht am übermächtigen Vorbild Tolkien vorbei: Sein aus einer erfundenen Sprache entwickeltes und mit einer wunderbaren Mythologie konstruiertes Universum ist so dermassen exakt ausgearbeitet, dass es Werke wie den mit wissenschaftlicher Methode erstellten “Historischen Atlas von Mittelerde” der Geologin Karen Wynn Fonstad überhaupt möglich machte; selbst die Wegstrecken, welche die Helden in Tolkiens Werken zurücklegen, sind in Weglängen und Zeitabschnitten messbar und erweisen sich als absolut korrekt.

George R. R. Martin
Aber, Mittelerde kann natürlich nicht ewig als Maßstab aller danach erschaffenen Fantasy-Welten gelten. Es existieren noch andere, sehr stimmige Universen, die meine ewig hungrige Fantasie beflügeln. Ein ganz grosser Wurf ist zum Beispiel der Kontinent Westeros, erdacht und belebt von George R. R. Martin, dessen zwei erste (auf deutsch übersetzte) Bücher des mittlerweile achtbändigen Zyklus “Das Lied von Eis und Feuer” ich kürzlich das Vergnügen hatte zu lesen. Die anfängliche Enttäuschung darüber, darin keinem der von mir natürlich auch geliebten Fantasy-Klischees wie Zwergen, Elben oder finsteren Magiern zu begegnen, wandelte sich binnen kürzester Zeit in absolute Faszination mit dem von Martin breitest ausgelegtem Szenario. Angelehnt an das historische Vorbild der Rosenkriege, jenem legendären Kampf um die englische Thronherrschaft im 15. Jahrhundert, faltet Martin ein Panorama miteinander konkurrierender und verfeindeter Herrscherhäuser auf, deren unzählige Protagonisten zu Beginn etwas schwindlig machen; es ist der grossen schriftstellerischen Meisterschaft des Urhebers zuzurechnen, dass man in diesem Gewühl nicht den Faden verliert, obwohl die Erzählperspektive ständig gewechselt wird. Ausserdem ist genug unvorhersehbare Dramatik vorhanden, um den Leser fast atemlos bei der Stange zu halten.

Kostet derzeit im Schnitt um die 200 - 300 Euro pro Buch: Vergriffene Sammleredition
Es sind aber auch die liebevollen Landschaftsbeschreibungen, die ausgeklügelten Herrschaftsverhältnisse und die beeindruckenden Naturwunder dieser Zweitwelt, welche “Das Lied von Eis und Feuer” vor dem inneren Auge mit farbiger Lebendigkeit anfüllen. Martin hat inzwischen einen weiteren Band verfasst, welcher im Original bereits unter dem Titel “A Dance with Dragons” erschienen ist – wann die deutsche Übersetzung (die, wie üblich, wieder in zwei Teile geteilt wird) zu haben sein wird, ist derzeit noch unbekannt. Es bleibt Martin bloß zu wünschen, dass er irgendwann rechtzeitig zu einem Ende kommt, nicht so wie Robert Jordan, dessen auf 35 (deutsche) Bände aufgeblähtes Mammutwerk “Das Rad der Zeit” keinen Abschluß fand, da der Autor 2007 im Alter von 58 Jahren an einer seltenen Blutkrankheit verstarb.

35 Bände "Das Rad der Zeit" und kein Abschluß: Robert Jordan (1948-2007)
Der zweite Autor, an den ich mich inzwischen gewagt habe, ist Tad Williams. Ein Schreibgigant, der 1000-seitige Bücher in derselben Zeitspanne verfasst, in der “normale” Autoren gerade mal eine dünnbändige Novelle zusammenbekommen würden (ich übertreibe hier etwas); mich konnten allerdings weder Leseproben seiner jeweils vierbändigen Zyklen “Otherland” oder “Shadowmarch” sonderlich überzeugen. Das wird sich allerdings vermutlich ändern, denn ich habe vor längerer Zeit die wirklich wunderschöne Neuauflage seines Erstlingszyklus “Osten Ard – Das Geheimnis der grossen Schwerter” im Klett-Cotta-Verlag erworben. Und gleich der erste Band “Der Drachenbeinthron” (immerhin wieder fast 1000 Seiten) hat mich von Beginn an verzaubert. Ganz leicht an einige Motive aus “Der Herr der Ringe” angelehnt, aber doch vollkommen eigenständig erzählt Williams eine Geschichte, die zwar für abgebrühte Fantasy-Fans zu Beginn etwas abgedroschen wirken mag (tollpatschiger Junge erlebt eine harte Zeit, um zum Helden zu werden) aber mit dermassen brillianten und dicht erzählten Einfällen glänzt, dass man das Buch getrost als Pageturner bezeichnen kann. Der einzige Kritikpunkt meinerseits wäre, dass die politischen Machtverhältnisse in der von Williams erdachten Welt nach der grossen Virtuosität von “Das Lied von Eis und Feuer” etwas, hm, einfach anmuten; dafür punktet Williams mit noch packenderer Atmosphäre als Martin (falls das überhaupt möglich ist) und zeigt seine Meisterschaft vor allem in architektonischen Beschreibungen (wie z.b. der zu Beginn wichtigen Burg Hochhorst mit ihrem gigantischen Engelsturm, ihren geheimnisvollen Bauten und den aberwitzigen Geheimgängen unter der Erde).

Auf der Con-Bühne vereint: Tad Williams und George R. R. Martin
Sowohl Martin als auch Williams haben auch eine wohltuend poetische Sprache zu bieten, etwas, dessen Mangel einen Tolkien-gewohnten Leser bei den weiter oben aufgezählten Autoren fast verzweifeln lässt. Aber, natürlich gibt es auch Fantasy-Trash, den ich mag (die “Drachenlanze”-Romane z.b.), schließlich bin ich ja nicht nur mit dem Herrn der Ringe, sondern auch mit Conan grossgeworden, und welch edleren Schundhelden gibt es als diesen?
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Damit könntest du einsteigen:
George R. R. Martin, Das Lied von Eis und Feuer 01 – Die Herren von Winterfell.
Tad Williams, Das Geheimnis der grossen Schwerter 01 – Der Drachenbeinthron.
Und hier meine Lieblingsausgabe von Herr der Ringe, natürlich in der Übersetzung von Margaret Carroux.

























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