Welten bauen.

Gestern wäre er 120 Jahre alt geworden, der grosse J. R. R. Tolkien, und wird von den Fans noch immer schmerzlich vermisst. Was hätte der noch schreiben können, wenn sein so langes Leben noch länger gewesen wäre! Obwohl, das Werk, das er uns Liebhabern und Bewunderern hinterlassen hat, ist in seiner Geschlossenheit so gewaltig und vielschichtig, so bis ins letzte Atom durchdacht, das man Mittelerde ewig durchwandern kann, sei es im Geiste oder indem man die entsprechenden Bücher wieder und wieder von vorne liest.

Tolkiens Geburtstag passt gut zu meinen derzeitigen Leseabenteuern, denn da ich momentan viel Zeit zuhause verbringe, kann ich mich mit Muße dem Genre widmen, welches mich in meiner Kindheit fasziniert, mich viele Jahrzehnte lang dann gar nicht interessiert, und mit zunehmendem Lebensalter wieder ordentlich gepackt hat: Fantasy.

In meiner grossen Zeit als Science Fiction-Fan, beim Buchhändler meines Vertrauens, hat es mich immer verwundert und geärgert, dass der Anteil an SF-Neuerscheinungen und entsprechenden Klassikern dort im Vergleich zum Fantasygenre immer so verschwindend gering war; die Science Fiction-Bücher (von denen ich die meisten sowieso schon besaß) waren auf zwei popeligen Ständern verteilt, während die Fantasy nebenan jeden Tag an Umfang zunahm, nach allen Seiten hin wucherte. Neidisch stellte ich mir vor, welche Auswahl man da zur Verfügung hatte.

Später, als ich (durch die HdR-Trilogie von Peter Jackson) und durch die Intervention einiger guter Freunde Tolkien wiederentdeckte und mit neugewonnener Ehrfurcht in sein wunderbares Schriftwerk eintauchte, wurde mir klar, dass das Genre der guten Fantasy eigentlich sehr überschaubar ist, im Endeffekt wahrscheinlich noch viel überschaubarer als gute, neue Science Fiction. Im Zuge der erwähnten Filmtrilogie entstand da nämlich ein Boom, der hauptsächlich mittelmässige bis unfassbar schlechte Autoren nach oben spülte, die auf die eine oder andere Weise versuchten, Elben, Zwerge und Trolle gewinnbringend zu verwursten. Und dass auf der Rückseite jedes neuen Fantasywälzers die Werbebotschaft “Der neue Herr der Ringe!” oder “Der neue Tolkien!” zu lesen war, hielt ich für einen bitteren Witz, eigentlich eine Anti-Kaufempfehlung.

Denn dass manche Verfasser sogenannter “Völkerromane” auch nur ansatzweise an die Grösse von Tolkien (den ich neben Lem, Dick und Lovecraft zu den vier wichtigsten Phantastik-Schriftstellern überhaupt zähle) jemals herankommen würden, ist so gut wie ausgeschlossen, entsprechende Aussagen stellen bloß ein ungeheures Sakrileg dar. Punkt.

Lässt man aber diese unselige Vergleicherei einmal weg, gibt es natürlich noch weitere wunderbare Autoren und Romane im Fantasy-Genre zu entdecken, und dieser Entdeckungsreise widme ich mich nun seit geraumer Zeit. Was mich an der (niveauvollen) Genreliteratur vor allem anzieht, ist der sorgsame Weltenbau. Das ist nämlich etwas, dass in der Science Fiction-Literatur überaschenderweise nicht so umfassend geschieht, wie ich das gerne hätte, zugegebenermassen bin ich da anspruchsvoll – ich wünsche mir ein bis aufs letzte ausgearbeitetes, in sich stimmiges, uraltes Universum, dessen Zeitalter und Geschehnisse mich über einen möglichst langen Zeitraum beschäftigen sollen.

So ein Universum zu bauen, ist ja praktisch fast eine Lebensaufgabe, in einem Thread des Fantasy-Forums hat eine Teilnehmerin darauf hingewiesen, was alles an Vorarbeit nötig ist, um das nachvollziehbar hinzukriegen: ”Sowas wie Flora und Fauna, die Geologie, das Wetter, Ressourcen und ähnliches sind wichtig. Nicht unbedingt sofort am Anfang, aber man muss alles irgendwie im Hinterkopf haben, um überzeugend davon schreiben zu können. Das geht zum Teil soweit, daß du im Grunde wissen musst welche Vegetation sich bei welchem Klima ausbreitet, welche Pflanzen reine Kulturfolger sind, welche Tiere den gleichen Lebensraum einnehmen und welche nie zusammen vorkommen, Unterschiede zwischen Wald und Forst…”.

Bei so einem Weltenbau kommt man natürlich auch nicht am übermächtigen Vorbild Tolkien vorbei: Sein aus einer erfundenen Sprache entwickeltes und mit einer wunderbaren Mythologie konstruiertes Universum ist so dermassen exakt ausgearbeitet, dass es Werke wie den mit wissenschaftlicher Methode erstellten “Historischen Atlas von Mittelerde” der Geologin Karen Wynn Fonstad überhaupt möglich machte; selbst die Wegstrecken, welche die Helden in Tolkiens Werken zurücklegen, sind in Weglängen und Zeitabschnitten messbar und erweisen sich als absolut korrekt.

George R. R. Martin

Aber, Mittelerde kann natürlich nicht ewig als Maßstab aller danach erschaffenen Fantasy-Welten gelten. Es existieren noch andere, sehr stimmige Universen, die meine ewig hungrige Fantasie beflügeln. Ein ganz grosser Wurf ist zum Beispiel der Kontinent Westeros, erdacht und belebt von George R. R. Martin, dessen zwei erste (auf deutsch übersetzte) Bücher des mittlerweile achtbändigen Zyklus “Das Lied von Eis und Feuer” ich kürzlich das Vergnügen hatte zu lesen. Die anfängliche Enttäuschung darüber, darin keinem der von mir natürlich auch geliebten Fantasy-Klischees wie Zwergen, Elben oder finsteren Magiern zu begegnen, wandelte sich binnen kürzester Zeit in absolute Faszination mit dem von Martin breitest ausgelegtem Szenario. Angelehnt an das historische Vorbild der Rosenkriege, jenem legendären Kampf um die englische Thronherrschaft im 15. Jahrhundert, faltet Martin ein Panorama miteinander konkurrierender und verfeindeter Herrscherhäuser auf, deren unzählige Protagonisten zu Beginn etwas schwindlig machen; es ist der grossen schriftstellerischen Meisterschaft des Urhebers zuzurechnen, dass man in diesem Gewühl nicht den Faden verliert, obwohl die Erzählperspektive ständig gewechselt wird. Ausserdem ist genug unvorhersehbare Dramatik vorhanden, um den Leser fast atemlos bei der Stange zu halten.

Kostet derzeit im Schnitt um die 200 - 300 Euro pro Buch: Vergriffene Sammleredition

Es sind aber auch die liebevollen Landschaftsbeschreibungen, die ausgeklügelten Herrschaftsverhältnisse und die beeindruckenden Naturwunder dieser Zweitwelt, welche “Das Lied von Eis und Feuer” vor dem inneren Auge mit farbiger Lebendigkeit anfüllen. Martin hat inzwischen einen weiteren Band verfasst, welcher im Original bereits unter dem Titel “A Dance with Dragons” erschienen ist – wann die deutsche Übersetzung (die, wie üblich, wieder in zwei Teile geteilt wird) zu haben sein wird, ist derzeit noch unbekannt. Es bleibt Martin bloß zu wünschen, dass er irgendwann rechtzeitig zu einem Ende kommt, nicht so wie Robert Jordan, dessen auf 35 (deutsche) Bände aufgeblähtes Mammutwerk “Das Rad der Zeit” keinen Abschluß fand, da der Autor 2007 im Alter von 58 Jahren an einer seltenen Blutkrankheit verstarb.

35 Bände "Das Rad der Zeit" und kein Abschluß: Robert Jordan (1948-2007)

Der zweite Autor, an den ich mich inzwischen gewagt habe, ist Tad Williams. Ein Schreibgigant, der 1000-seitige Bücher in derselben Zeitspanne verfasst, in der “normale” Autoren gerade mal eine dünnbändige Novelle zusammenbekommen würden (ich übertreibe hier etwas); mich konnten allerdings weder Leseproben seiner jeweils vierbändigen Zyklen “Otherland” oder “Shadowmarch” sonderlich überzeugen. Das wird sich allerdings vermutlich ändern, denn ich habe vor längerer Zeit die wirklich wunderschöne Neuauflage seines Erstlingszyklus “Osten Ard – Das Geheimnis der grossen Schwerter” im Klett-Cotta-Verlag erworben. Und gleich der erste Band “Der Drachenbeinthron” (immerhin wieder fast 1000 Seiten) hat mich von Beginn an verzaubert. Ganz leicht an einige Motive aus “Der Herr der Ringe” angelehnt, aber doch vollkommen eigenständig erzählt Williams eine Geschichte, die zwar für abgebrühte Fantasy-Fans zu Beginn etwas abgedroschen wirken mag (tollpatschiger Junge erlebt eine harte Zeit, um zum Helden zu werden) aber mit dermassen brillianten und dicht erzählten Einfällen glänzt, dass man das Buch getrost als Pageturner bezeichnen kann. Der einzige Kritikpunkt meinerseits wäre, dass die politischen Machtverhältnisse in der von Williams erdachten Welt nach der grossen Virtuosität von “Das Lied von Eis und Feuer” etwas, hm, einfach anmuten; dafür punktet Williams mit noch packenderer Atmosphäre als Martin (falls das überhaupt möglich ist) und zeigt seine Meisterschaft vor allem in architektonischen Beschreibungen (wie z.b. der zu Beginn wichtigen Burg Hochhorst mit ihrem gigantischen Engelsturm, ihren geheimnisvollen Bauten und den aberwitzigen Geheimgängen unter der Erde).

Auf der Con-Bühne vereint: Tad Williams und George R. R. Martin

Sowohl Martin als auch Williams haben auch eine wohltuend poetische Sprache zu bieten, etwas, dessen Mangel einen Tolkien-gewohnten Leser bei den weiter oben aufgezählten Autoren fast verzweifeln lässt. Aber, natürlich gibt es auch Fantasy-Trash, den ich mag (die “Drachenlanze”-Romane z.b.), schließlich bin ich ja nicht nur mit dem Herrn der Ringe, sondern auch mit Conan grossgeworden, und welch edleren Schundhelden gibt es als diesen?

***

Damit könntest du einsteigen:

George R. R. Martin, Das Lied von Eis und Feuer 01 – Die Herren von Winterfell.

Tad Williams, Das Geheimnis der grossen Schwerter 01 – Der Drachenbeinthron.

Und hier meine Lieblingsausgabe von Herr der Ringe, natürlich in der Übersetzung von Margaret Carroux.

Seltsame Träume im Kalten Krieg.

Wenn man sich die Mühe macht und sich durch zerlesene, vergilbte Taschenausgaben der 1950er/60er-Science Fiction wühlt, wird man mit der Erkenntnis belohnt, wie seltsam die Werke dieser Romanschreiber doch manchmal sind; sie scheinen mir ein Spiegelbild der Zeit des Kalten Krieges zu sein, dessen ständige, eisige Bedrohung ohne Eskalation wohl viele Menschen auf der ganzen Welt halb wahnsinnig gemacht haben muss. Besonders trifft das auf die Amerikaner zu – das Klima in den USA zu der Zeit zwischen paranoider Kommunistenhatz und unmenschlicher Atombedrohung einerseits und bis ins absurde driftenden Eskapismen wie der Hawaii-Manie oder der sehr seltsame Blüten tragenden Lounge-Kultur andererseits kann man sich heute kaum vorstellen.

Die Werke, die amerikanische Science Fiction-Autoren damals schrieben, waren eigenartige Verherrlichungen der lauernden Bedrohung: technoider Wahn, die Darstellung postapokalyptischer Menschenwesen mit wahnhaften Geistesfähigkeiten, die unendlichen, kalten Weiten des Alls und möglicherweise irgendwo dort auf einem fernen Planeten ein ebenso geisterhaftes wie mit Technicolor überzeichnetes Paradies.

Alfred Elton van Vogt (1912 - 2000)

Ein typischer Autor dieser Geisteshaltung ist der 1912 in Winnipeg, Kanada geborene Alfred Elton van Vogt. Der grösste aller Science Fiction-Helden, Philip K. Dick, hat ihn als einen seiner wichtigsten Einflüsse bezeichnet (“I started reading sf when I was about twelve and I read all I could, so any author who was writing about that time, I read. But there’s no doubt who got me off originally and that was A.E. van Vogt”, PKD 1974 in einem Interview); die Spuren Van Vogts sind in Dick’schen Frühwerken wie “Solar Lottery”(“Hauptgewinn: die Erde”), “The World Jones Made” (“Die seltsame Welt des Mr. Jones”), vor allem aber in “Our Friends from Frolix 8” (dt. “Die Mehrbegabten”) auszumachen.

Phillip K. Dick (re) und Ridley Scott am Set der Dreharbeiten zu "Blade Runner"

Van Vogt liess sich in den 1940er-Jahren in Hollywood nieder und wurde 1952 amerikanischer Staatsbüger. Zu dieser Zeit nahm er in den Kreisen der US-Science Fiction-Fans schon eine wichtige Rolle ein, durch seine Kurzgeschichten (die Episode “Ungeheuer an Bord” aus dem Roman “Die Expedition der Space Beagle” sollte Jahrzehnte später als Grundlage für Ridley Scott’s Blockbuster Alien dienen) und utopische Werke wie “Slan”. In diesem Debütroman geht es bereits um eines der wichtigsten Themen Van Vogts – der Kampf eines Einzelgängers mit mächtigen parapsychischen Fähigkeiten gegen eine unverständige Umwelt, die diese Aberration ausmerzen möchte.

Auch Tomaten müssen die Wahrheit sagen: L. Ron Hubbard und sein "E-Meter".

“Slan” inspirierte übrigens auch einen eher untalentierten SF-Schriftstellerkollegen namens L. Ron Hubbard dazu, gewisse Inhalte des Werks zu einer der Grundlagen seiner unheilvollen Dianetics-Bewegung zu machen. Van Vogt war geschmeichelt und begeisterte sich für Hubbards Ideen. Er eröffnete sogar für kurze Zeit ein eigenes Dianetics-Center in Kalifornien; als sich die Dianetics-Lehre zur Scientology-Bewegung umzuformieren begann, hatte er allerdings bald genug davon und ging auf Distanz. Nach einer mehrjährigen Schreibblockade kehrte er wieder zur Science Fiction zurück, sein Spätwerk kam aber nicht mehr an die Kreativität seiner frühen und mittleren Schaffensphase heran. In den 1990er-Jahren erkrankte Van Vogt an Alzheimer und starb im Jänner 2000 in Hollywood.

Die wesentlichen Ideen des Van Vogt’schen Schaffens kreisen immer wieder um totalitäre Staatssysteme, um die Monarchie als ideale Staatsform und um die Menschheit nach dem Atomkrieg, wobei Vogt den Schrecken der Atombombe oftmals in eine absurd wirkende Katharsis umkehrt, die in den Überlebenden Kräfte weckt, welche sie zu gefürchteten Supermenschen macht. Sein wichtigstes Opus ist die Null-A-Trilogie, die aus einem starken Interesse des Autors für Alfred Korzybski’s “Allgemeine Semantik” hervorgegangen ist; “Null-A” als Synonym für “nonaristotelische Logik bezieht sich auf die Fähigkeit der Nutzung intuitiven, eigenständigen Verstehens im Gegensatz zur Anwendung angelernter deduktiver Logik” (*) Die Null-A-Bücher sind dermassen komplex, dass sie in diesem Blog einmal in einem eigenen Artikel besprochen werden sollten – als literarisches Beispiel für die Gesinnung Van Vogts soll hier ein recht kurzer Roman dienen, eigentlich eher eine aneinandergefügte Sammlung von Kurzgeschichten namens “The Mixed Men” (dt. “Das Imperium der 50 Sonnen”) aus dem Jahr 1952. Ich beziehe mich hier auf die deutsche Ausgabe aus dem Jahr 1982 im Bastei Lübbe-Verlag (übrigens, als bizarre Fußnote, übersetzt von einem Herrn namens Ralph Tegtmeier – Eingeweihte wissen, wer das ist).

Im Rahmen einer recht hübsch zu lesenden Raumfahrts-Eroberungs-Geschichte (Gigantischer Schlachtkreuzer von der Erde auf Erkundungsflug in der Magellanschen Wolke entdeckt durch Zufall eine vor 15.000 Jahren vom Heimatplaneten verbannte Spezies von Übermenschen und versucht diese zuerst mit fruchtloser Überredungskunst und später mit kriegerischen Mitteln in die Oberhoheit der Erdmacht zurückzuzwingen) offenbaren sich Van Vogts gigantomanische Träume eines Züchtungsexperiments, das in abertausend Zeitaltern überdimensionale Formen angenommen hat. Ein gewisser Joseph M. Dell hat in Urzeiten auf der Erde einen Materietransmitter konstruiert, der an den Menschen, die ihn benutzen, drastische Veränderungen bewirkt. Diese zeigen sich in einer “edlen Physis”, unglaublichen körperlichen Kräften und einem überragendem Willen. Der Rest der Menschheit entwickelt Mißtrauen gegen diese heranwachsende Supermenschenrasse, beschimpft sie als Robots und nachdem die Gewalt eskaliert, werden die armen Übermenschen letztendlich dazu gezwungen, von der Erde zu verschwinden und sich ein eigenes Sternensystem als Heimat zu suchen, welches sie dann im Endeffekt auf verschiedenen Planeten im Reich der fünfzig Sonnen in der Großen Magellanschen Wolke finden.

Die Grosse Magellansche Wolke (Röntgenfotografie vom Max Planck-Institut)

Die Neuankömmlinge bezeichnen sich fortan als “Dellier” – im Gegensatz zu den mitgereisten menschlichen Sympathisanten ohne Superfähigkeiten, die fortan als “Non-Dellier” bezeichnet werden. Diese sind für das Überleben der Dellier enorm wichtig, da jene durch den Wuchs ihrer übermenschlichen Kräfte kaum mehr kreative Fähigkeiten besitzen; folglich sind Dellier besser als militärische Führungskräfte geeignet, die Non-Dellier besser als Wissenschaftler, Ingenieure und Politiker. Nachwuchs zu zeugen, ist zwischen beiden Fraktionen auf biologischem Wege nicht möglich, es gibt aber mit einem von Van Vogt nicht näher ausgeführten Verfahren des “Kalten Drucks” die Option auf Nachkommenschaft. Diese Kinder werden, wie man feststellt, wiederum zu einer neuen Superspezies – man nennt sie die “Koppelmenschen”, da sie alle Eigenschaften von Delliern und Non-Delliern in sich vereinen und ausserdem zwei Gehirne besitzen. Die Vorkommnisse der Erde wiederholen sich: Von ihren Eltern gefürchtet, müssen die Koppelmenschen sich in unterirdischen Städten verstecken.

Mein Exemplar ist schon etwas verwittert...

Ich habe mir beim Lesen von “Das Reich der 50 Sonnen” öfters vorgestellt, welche Reaktionen von Kritikern und Käufern dieses Buch bekommen würde, wenn es in der heutigen Zeit erscheinen würde – man würde sich vermutlich fragen, ob der Autor unter Drogen stand oder irrwitze Träume niedergeschrieben hätte. Und in der Tat, Van Vogt hat genau das getan: “He said many of his ideas came from dreams; throughout his writing life he arranged to be awakened every 90 minutes during his sleep period so he could write down his dreams.” (**)  - Seltsame Träume in der Epoche des Kalten Krieges.

*) Quelle: Wikipedia

**) Charles Platt: Interview with Van Vogt

***

Uwe Anton: “A. E. van Vogt, Der Autor mit dem dritten Auge” gibt es hier zu bestellen.

Sämtliche deutschen Taschenbuchausgaben von Van Vogt sind seit vielen Jahren vergriffen.

Antiquarisch fündig wird man hier.

Sun Koh, ein altertümlicher Held.

Wenn man sich auf Spurensuche macht, welche Vorbilder denn die Perry Rhodan-Macher so in ihrer Jugend hatten, welche Science Fiction-Bücher die gerne lasen, dann stösst man relativ bald auf Paul Alfred Müller (alias Freder van Holk alias Lok Myler), den wahren “Paten” der Groschenheftliteratur im Deutschland der 1930er-Jahre.

Paul Alfred Müller (1901 - 1970)

Müller hat im Laufe seines Lebens mehrere hundert Romane verfasst, in allen Genres, von Krimi bis Western, natürlich mit jeweils wechselnden Pseudonymen. Das Genre, in dem er als Meister galt, und dass er zusammen mit Hans Dominik damals prägte, war allerdings die utopische Literatur (der Begriff Science Fiction bürgerte sich erst viel später ein), damals wurde das auch allgemein “Zukunftsroman” genannt.

Seine grösste Leistung war die Erfindung der Figur SUN KOH; ein Prinz des versunkenen Atlantis, dessen Aufgabe es in 150 Abenteuern war, das Wiederauftauchen des sagenhaften Kontinents vorzubereiten. Eine schwierige Aufgabe, naturgemäss, denn sinistre Feinde trachteten ihm nach dem Leben, versuchten wertvolle Artefakte zu stehlen und strebten überhaupt nach der Weltherrschaft.

Der Verwandte aus Amerika: Doc Savage

Man kann spekulieren, dass SUN KOH eine deutsche Version des in Amerika damals sehr populären DOC SAVAGE, dem “Mann aus Bronze” war, die Ähnlichkeiten beider Supermänner sind unübersehbar – auch SUN KOH ist wie Savage von äusserst beeindruckender physischer Erscheinung, unglaublich intelligent (spricht sämtliche Sprachen, die es gibt), ein Meister der Kampfkünste (im ersten SUN KOH-Heft gab es deswegen auch einen Jiu-Jitsu-Kurs zum Selberlernen) und natürlich fähig, mit den kompliziertesten technischen Gerätschaften wie selbstverständlich umzugehen.

Die legendäre Erstausgabe...

Überhaupt: Die technische Komponente gefällt mir an den SUN KOH-Romanen am besten: Da befindet man sich nämlich in einem Universum, welches vor Bubenträumen aus früherer Zeit nur so überquillt. Da existieren Hypnose- und Todesstrahlen aller Art, Tarnkappen, Gedankensender, Energiestrahler und Raketen (beeinflußt durch die Erkenntnisse des damals sehr populären Hermann Oberth) und Müller verbindet all das ausserdem mit den damals populären, mystischen Theorien – Atlantis, das voller Geheimnisse steckende Tibet, der rätselhafte Orient…

Und nicht zu vergessen: Die Hohlwelttheorie! Müller war dermassen überzeugt, dass die Menschheit in Wirklichkeit auf der Innenseite der Erde lebt, dass er in den 1960er-Jahren ein Angebot ausschlug, bei einer brandneuen Serie namens Perry Rhodan mitzuschreiben; dass man mit Raumschiffen das Universum ergründen könne, war für den Autor ein absolutes Ding der Unmöglichkeit, deswegen spielen seine Romane logischerweise auch immer auf der Erde.

Fasziniert und abgestossen vom "Fremden": H. P. Lovecraft (1890 - 1937)

Müller geriet ins Getriebe der damals gerade die Macht übernehmenden Nationalsozialisten; in den späteren 1930er-Jahren musste er seine Romane an deren Gedankengut anpassen, auch wurden seine Texte von den entsprechenden Kontrollstellen zensiert und abgeändert; wahr ist aber auch, dass davon abgesehen in seinen Werken diese typische Mischung aus Faszination und Abscheu vorherrscht, wenn er z.b. fremde Länder oder Städte beschreibt (und darin fatal an den ebenso fremdenfeindlichen H. P. Lovecraft erinnert) – hier ein Auschnitt aus “Die Krone der Khmer”: “Saigon. Dort, wo der Mekong seine schlammigen Fluten durch die unendlichen Sümpfe der Niederungen hindurchwälzt, liegt die Stadt. Sie versinkt nicht im Sumpf, aber sie atmet noch die giftigen Fieberdünste des Cochinchina. Die Europäer, die ein bewegtes Schicksal dorthin verbannte, wußten zu erzählen, wie viele von ihnen in diesem Klima krank wurden. [...] Alles in dieser Stadt wirkte von Anfang an fremdartig, traurig und sogar feindlich. Der Körper schien plötzlich weich und schlaff zu werden, die Ausdünstungen der Bäume und Blumen schienen zu betäuben. Fremdartig wirkten die gelben Gesichter der Annamiten und halbnackten Chinesen, unter deren patschenden Füssen der rötliche Kot aufspritzte. Seltsam stachen die Katzenaugen der gelben Frauen, die zwischen den Schlitzen der Lider hervorblinkten, gespenstisch fahl leuchteten die bleichen Gesichter der wenigen Weißen. [...] Zwischen melancholischen Ebenen mit unendlichen, eintönigen Reisfeldern und zahlreichen, rötlichen Chinesengräbern lag die Stadt wie eine giftige, blasse Orchidee, deren schwermütiger, feuchtheisser Duft den nordischen Menschen erschlafft und langsam tötet.” (Freder Van Holk, “Die Krone der Khmer”, Neuausgabe Pabel 1978)

Die vielgescholtene Pabel-Ausgabe aus den späten 1970er-Jahren.

Den erwähnten Roman gibt es übrigens in dieser Form in der Originalausgabe der SUN KOH-Hefte gar nicht, denn Müllers Schicksal war es, dass seine Originaltexte mehrmals verstümmelt wurden, zuerst von den Nazis, in weiteren Ausgaben nach dem Krieg wurden dann wiederum alle offensichtlich nazistischen Spuren aus seinem Werk getilgt. Die Pabel-Taschenbuch-Auflage von 1978 in 37 Bänden (die auch bis dato meine einzige Möglichkeit war, SUN KOH zu lesen) ist überhaupt mehr als freie Interpretation von SUN KOH zu sehen; hier wurden mehrere Heftausgaben zusammengefasst, gekürzt, Gerüchten zufolge sogar mit Teilen von Müllers zweiter, eher erfolgloser Romanserie JAN MAYEN (der statt nach Atlantis nach Thule sucht) vermischt.

Startgebot 1199€: SUN KOH Nachkriegsausgabe auf Ebay.

Natürlich hätte ich auch gerne das Originalwerk Müllers gelesen, die astronomischen Preise der alten Hefte verbieten das aber von selbst. Zumindest die ersten vier Originalausgaben von SUN KOH wurden vom Schweizer SSI-Verlag in einer grandiosen Liebhaber-Edition neu aufgelegt, sodass man auch als wenig betuchter Sammler die Möglichkeit hat, SUN KOH im leistbaren Original lesen zu können. Allerdings hatte SSI bereits 2006 angekündigt, dass nicht nur dieser, sondern insgesamt 31 Bände mit dem gesamten Werk in Originalform erscheinen würden. Bis heute ist ausser dem angesprochenen ersten Band leider nichts mehr nachgekommen; es steht zu befürchten, dass dieses schöne Ansinnen finanziell wohl nicht zu realisieren war.

Unvollständig, am Zerfallen und trotzdem heissgeliebt: Die SUN KOH-Sammlung eures Docteurs.

Da SUN KOH heutzutage wohl einfach nicht mehr zeitgemäss ist und das auch nie mehr werden wird, ist er vermutlich zu Recht in Vergessenheit geraten. Es bleiben die älteren Sammler, die es sich leisten können, Restbestände des Werks aufzukaufen und in ihren Safe zu packen. Und dann gibt es noch so Freaks wie euren Bloghost, der mit Wonne in diesen zerfallenden, vergilbten Taschenbüchern schmökert und seine Phantasie durch dieses altertümlich-utopische Universum wandern lässt.

***

Hier nochmal die Homepage des SSI-Verlags – tolle Infos und Produkte rund um Paul Alfred Müller und SUN KOH.

Ein wunderbarer Artikel zum Thema von Dr. Peter Soukup vom “Verein der Freunde der Volksliteratur” auf evolver.at, dem besten deutschsprachigen Webzine.

Dieter von Reeken verlegt in seinem Verlag die zweite Serie von Paul Alfred Müller, JAN MAYEN.

Published in: on Dezember 12, 2011 at 5:45 pm  Kommentare (6)  
Tags: , , , , , ,

Im Perryversum.

Mit etwas Verspätung zollt Phantastick hier seinen längst überfälligen Tribut an den fünfzigsten Geburtstag der langlebigsten und unglaublichsten Science Fiction-Serie der Welt, Perry Rhodan. Das hat auch damit zu tun, dass euer Bloghost erst jetzt dazugekommen ist, Michael Nagulas großartige Biografie “Perry Rhodan – Die Chronik 1961 – 1974” zu lesen, der erste Teil von insgesamt vier geplanten Riesenschwarten, die sich auf sehr vergnügliche Weise mit der Geschichte des Perryversums auseinandersetzen und erzählen, wie es damals hinter den Kulissen des kultigen Heftromans so zuging.

Ein absolutes Muss für Perry Rhodan-Fans: Teil 1 und 2 (soeben erschienen) der "Perry Rhodan-Chronik" von Michael Nagula

Beim Lesen dieses Buchs kommen Gefühle auf: Ich falle ja ins Raster des typischen Perry Rhodan-Fans, auf vermutlich die einzige Art, wie man anno dazumal ein Die Hard-Fanatiker dieses trotz aller verlaglichen Bemühungen um Öffnung heute doch unglaublich hermetischen Riesenmonsters einer Future History werden konnte: Man musste vor der Pubertät, also am besten in einem Alter, in dem man nicht mehr Lego spielte, sich aber schon unbewusst einen weitergehenden Weltenbau der Fantasie wünschte, sein Initialerlebnis haben.

Typischer PR-Kugelraumer aus Lego (Foto von Lego Gemeinschaft Österreich)

In meinem Fall war das 1981, so im Alter von 13, 14 Jahren; mit Mädels/Fortgehen war da noch garnix, Fernsehen gab es nur SW und durch elterliche Strenge noch dazu extrem begrenzt. Da kam einmal mein damals bester Freund A. zu Besuch und hatte in einer Plastiktüte ein dickes, silbern glänzendes Buch mit einem Hologramm am Cover, also eine geriffelte Plastikscheibe, auf der man in 3-D-Darstellung einen Mann im Raumanzug und ausserdem ein Raumschiff in einer bizarren Wüstenlandschaft sehen konnte.

Die Initialzündung.

Dafür, dass mir A. das Buch damals gleich geborgt hat, werde ich ihm ewig dankbar sein. Denn als ich, nach seinem Besuch, im Bett liegend zu lesen begann, da traf mich eine Illumination, wie das im Leben eines Menschen vielleicht nur ein- oder zweimal passiert. Da zog es mich schnurstracks hinein in ein utopisches Universum voller technischer Wunder samt Menschen mit aussergewöhnlichen Fähigkeiten, und ausserdem: es war noch dazu so dermassen spannend, dass ich für längere Zeit die ganze Umwelt um mich herum vollkommen vergass. Heute kommt es mir so vor, als hätten damals meine Synapsen mit Hilfe dieses Werkzeugs auf Science Fiction umgeschaltet, ein Themenbereich, der mich wohl bis zu meinem Lebensende nie mehr verlassen wird. Wenn ich auch längere Zeit mal an anderen Dingen interessiert bin – im Endeffekt komme ich immer wieder zu meinen bunten Träumen von kugelförmigen Raumschiffen, Marterietransmittern, galaktisch-exotischen Völkern, Zeitsprüngen und Paralleluniversen zurück.

Die Pioniere: Scheer, Ernsting, Voltz, Mahr - leider alle schon verstorben.

Was die frühen, pionierhaften Perry Rhodan-Autoren Karl-Herbert Scheer, Walter Ernsting alias Clark Darlton, William Voltz und Kurt Mahr da in den 1960er-Jahren schufen, hat sich zu einem so riesigen und bis heute stimmigen(!) Multiversum ausgewachsen, dass deren Anstrengungen und Visionen im Verbund mit der glühenden Verehrung der Fans Realitäten erschufen, die jenseits von Raum und Zeit existieren, da bin ich mir ziemlich sicher. Da ist irgendwo ein sehnsüchtig machendes PR-Multiversum; ich stelle mir seit vielen Jahren vor, irgendwo in meiner Wohnung (vielleicht im Keller) einen Transmitter stehen zu haben, der es mir ermöglicht, mich Hyperraum-mäßig abzustrahlen und mich im Perryversum zu re-materialisieren (das Star Trek-affine Beamen hat mich übrigens niemals dermassen fasziniert). So kann ich, zumindest in meiner Fantasie, wenn der Schlaf wieder mal nicht kommen will, mich in Muße meiner Zweitexistenz in Terrania City, der zentralen Metropole des Riesenreiches, widmen; ich habe dort auch eine Wohnung im 200. oder 300. Stock einer riesigen Arkologie, welche im Laufe der Jahre von mir bereits genauestens eingerichtet und designt wurde.

Beliebt seit es Perry Rhodan gibt: Der Fanstammtisch - in vorliegendem Foto 1998 in Wien (Foto von www.frostrubin.com)

Ich schäme mich auch mit meinem fortgeschrittenen Alter solcher Fanboy-artigen Fantasien nicht  – zum einen erfüllt es mich mit unglaublicher Freude, irgendwo unterwegs (im Zug von Graz nach Wien z.b.) in einem Waggon irgendeinen Menschen zu entdecken, der auf seinem Sitzplatz in ein Perry Rhodan-Heft, einen Silberband oder in einen dieser in den letzten Jahren erschienenen Riesenschmöker von Heyne vertieft ist; meine Schüchternheit gestattet mir zwar keine Kontaktaufnahme, im Geiste aber grüsse ich enthusiastisch einen Gleichgesinnten und stelle mir vor, wie auch der gerade in seinem ganz privaten, utopischen Perry Rhodan-Universum unterwegs ist; ein heilsamer Rückzug von der heutzutage oft so kalten, lieblosen Lebensrealität.

SF-Fandom in alten Zeiten: Der "SFCD Hannover"

Zum anderen weiss ich seit Nagulas Biographie, dass die Autoren, Redakteure und sonstigen Macher von Perry Rhodan höchstselbst ausnahmslos als Fanboys gestartet sind, ja dieses Fantum bis zum Ende ihres Lebens niemals verlieren oder verloren haben. Das ist immer die selbe Geschichte mit kleinen Variationen – in der Kindheit oder Jugend ein Science Fiction-Buch in die Hände bekommen, Perry Rhodan entdeckt und ein lebenslanger Verehrer geblieben, mit grenzenloser Hingabe und Treue. Ich finde, dass dies eben ein ganz besonderer Menschenschlag ist, der eine solche niemals endende Liebe zu einer Serie entwickeln und pflegen kann.

IHM einmal persönlich gegenüberstehen... (Zeichnung von Renato Casaro)

Wenn ich auch schon längst mit den immer fortlaufenden Heftzahlen und den neuen Erzeugnissen im Perryversum nicht mehr mithalten kann, weder finanziell noch zeitlich, wenn ich auch längst nicht alle Silberbände besitze und mit manchen neuen Tendenzen in der Serie nicht so ganz einverstanden bin (das aber akzeptiere, denn alles verändert sich, warum nicht auch Perry Rhodan?), so kehre ich doch immer wieder gerne in dieses gigantische Multiversum zurück; so habe ich kürzlich ein neues Schlafzimmer bezogen und nach einigen Tagen war mir sonnenklar, dass meine Perry Rhodan- Sammlung natürlich in einem Regal gegenüber meiner Bettstatt ihren angestammten Platz beziehen muss. Und wenn ich denn einmal sterbe, und es gibt vielleicht eine Existenz nach dem Tod meines physischen Körpers, die es mir möglich macht, eine Dimension meiner Wahl zu erkunden/bewohnen, dann möchte ich nach Terrania City, gar keine Frage. Und endlich mal dem unsterblichen, ersten aller Terraner gegenüber stehen zu dürfen, das wäre was.

Weit von Perfektion oder Vollständigkeit entfernt, aber seit meiner Jugend mit Liebe gepflegt: Meine kleine PR-Sammlung.

***

Das perfekte Weihnachtsgeschenk: Perry Rhodan – Die Chronik 1961 – 1974, klick auf den Titel für die Bestellung.

Gut für interessierte Neueinsteiger: Perry Rhodan Neo. Die Geschichte von vorne, im Stil der heutigen Zeit. (für Kindle, oder hier als Hörbuch.)

25.000 Artikel können nicht irren: Die Perrypedia.

Und hier die offizielle Perry Rhodan-Seite.

Grotesque – The Gateway to PANTHERION

Einiges habe ich euch hier schon erzählt von der Organisation “zur Abwehr paranormaler Phänomene” PANTHERION und den in deren Welt spielenden Omen-Heftromanen des mystischen Melchior v.·. Wahnstein. Jetzt gibt es auch ein spannendes Blog dazu, welches euch pro Artikel mehr aus dem PANTHERION-Universum enthüllt; ausserdem gibt es dort nun die hier rezensierten Omen-Hefte zu bestellen. Unbedingt anklicken, es lohnt sich!

http://grotesqueverlag.wordpress.com/

ps: auch Viktor Augenfeld von PANTHERION (siehe vorherigen Artikel) hat nun ein eigenes Blog:

https://augenfeld.wordpress.com/

Published in: on November 10, 2011 at 4:14 pm  Kommentare (5)  
Tags: , ,

Neues aus der Gruselgruft.

Zum zweiten Mal wird auf diesem Blog das Hohelied der Groschenhefte gesungen. Vor einiger Zeit haben wir uns ja im Rahmen von “Dr. Tods Höllenfahrt oder die Wiederkehr des Gruselromans” mit Klassikern wie Larry Brent, Occu und John Sinclair sowie neuen Genre-Impulsen wie der Super Pulp-Reihe von Evolver Books und dem Omen-Debüt von Melchior v.·. Wahnstein beschäftigt. Heute möchte ich, bevor ich zum neuesten Werk aus der Omen-Reihe komme, unbedingt über eine unglaubliche, grenzüberschreitende, fast mythisch zu nennende Heft-Serie namens Dr. Morton plaudern.

Das kennt heute ja keiner mehr” ist ein Satz, den man hier öfters zu lesen bekommt, I know. Aber Dr. Morton-Romane sind tatsächlich etwas, das heutzutage von sehr wenigen Fans, fast möchte man sagen, Connaisseuren, wie ein ganz besonderer Schatz gehütet und am liebsten in einem Tresor aufbewahrt wird. Auf Ebay und ähnlichen Plattformen erzielen einzelne, abgegriffene Dr. Morton-Ausgaben seit längerem Fantasiepreise. Worin liegt also der Unterschied dieser längst eingestellten Serie zu anderen Horror- und/oder Krimi-Romanen, mit deren gelblichem Papier sich manche Sammler bereits ganze Zimmer tapezieren könnten?

Dr. Morton war und ist im Universum des Horrorgroschenheftes deswegen so einzigartig, weil die wenigen (insgesamt 55 ) Bände, 1974 und 1975 im Anne Erber-Verlag erschienen, so ziemlich das Härteste darstellen, das jemals als Heftroman gedruckt wurde. Nein, nicht nur das Härteste, auch das Unmoralischste – zwei Faktoren, die für eine ständige Indizierung durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften und im Endeffekt für die endgültige Einstellung der Reihe gesorgt haben.

Gestatten: Rainer Maria Schröder alias Ashley Carrington alias John Ball

Wer auf die Idee dazu kam, bleibt mehr oder weniger im Dunkeln, unter dem Verlagspseudonym John Ball schrieben viele Autoren, von denen einige wenige identifizierbar sind (u.a. Jugendbuchautor Rainer Maria Schröder, der unter dem Pseudonym Ashley Carrington erfolgreiche Frauenromane verfasst) – man möchte fast annehmen, es habe sich um einen Geheimbund unter De Sade’schem Motto gehandelt, wenn man die unzähligen Sex, Blood & Gore-Szenen der Reihe Revue passieren lässt.

Mad Scientist: Albert Dekker in Ernest B. Schoedsack's "Dr. Cyclops" (1940)

Die Hauptfigur, Dr. Morton, war per se keiner von den Guten. Der wahnsinnige Doktor nach dem Vorbild des verrückten Wissenschaftlers zahlloser, amerikanischer Pulps und B-Movies folterte und tötete nach seinen eigenen moralischen Kriterien, die zwar vorrangig Verbrecher betrafen, die sich aufgrund von Geld und Ansehen der gerechten Verurteilung durch die Justiz entziehen konnten; eigentlich war dies aber nur ein Vorwand dafür, menschliches “Material” für die blutigen Experimente des Doktors heranzuschaffen. Dazu ein Auschnitt aus Heft Nr. 7, “Mortons totale Operation”: „Eigentlich wollte ich Sie eben erschießen”, sagte Dr. Morton ruhig. „Aber ich habe es mir anders überlegt. Ich werde Sie später zur Klinik hinüberbringen lassen. Sie werden mir noch nützlich sein, Chefinspektor.” Seine Stimme klang zunehmend grausamer, und obwohl Spratt noch Mühe hatte, sich zu konzentrieren, jagte diese Grausamkeit ihm kalte Schauer über den Rücken. „Ich werde Sie operieren, Spratt. Ich werde Ihr Gehirn aus dem Kopf lösen, indem ich es Stück für Stück freilege. Ich habe diesen Versuch schon einmal durchgeführt. Sie erinnern sich doch an Philipp Gregory? Ihn habe ich zu dem gleichen Experiment benutzt. Als der Eingriff beendet war, war Mr. Gregory nur noch ein lebloser Haufen Fleisch. Sein Gehirn aber hat noch tagelang gelebt. So wird es auch Ihnen gehen, Chefinspektor. Vorher werde ich Ihnen jede Einzelheit der Operation erklären. Sie sind ein kluger Mann und werden alles begreifen.” Dr. Morton schwieg und starrte den anderen an. „Wie gefällt Ihnen das, Chefinspektor? Wünschen Sie sich jetzt, schon tot zu sein? Das könnte ich verstehen. Zumal ich beabsichtige, diesmal auf , die Narkose zu verzichten und Sie bei vollem Bewußtsein zu operieren. Ich bin gespannt, wie Sie sich benehmen.” Er sprach weiter, aber niemand hörte zu. Denn Chefinspektor Spratt von Scotland Yard war in eine wohltätige Ohnmacht gesunken…

Wenn wenigstens der Assistent des Doktors, Grimsby, versucht hätte, die blutigen Taten des Wahnsinnigen zu verhindern! Leider war Grimsby aber genauso moralisch verkommen, menschenverachtend, und noch dazu sexbesessen. Hier eine unglaubliche Textprobe aus Heft Nr.1, “Blaues Blut”: Grimsby griff nach dem BH-Verschluß. „Bitte nicht!” sagte sie. „Nicht hier!”„Warum nicht hier?”„Es ist schon spät. Und es ist kalt. Ich friere.” „Nicht mehr lange”, sagte Grimsby. „Ich werde mich erkälten.”„Das spielt keine Rolle.”„Wieso?” fragte Nicky empört. „Wieso spielt das keine Rolle, wenn ich mich erkälte?”„Es spielt keine Rolle mehr”, sagte Grimsby freundlich. In diesem Augenblick begriff Nicky, daß sie sich in den Händen ihres Mörders befand. Sie wollte schreien. Sie öffnete den Mund, um zu schreien, aber da war Grimsbys große Hand, die hielt ihren Mund zu, und niemand hörte den Schrei, der in ihrer Kehle erstickte. Mit der freien Hand fetzte er den BH zur Seite. Mit funkelnden Blicken betrachtete er die nackten Brüste. Dann kam der Slip an die Reihe. Auch er riß unter dem harten Griff. Grimsby hielt das nackte Mädchen in den Armen. Seine Finger betasteten den jungen, festen Körper. Als er merkte, daß Nicky zu ersticken drohte, lockerte er den Griff. Tief saugte sie die Luft in ihre Lungen. „Versuch nicht wieder, zu schreien!” Ängstlich schüttelte sie den Kopf. Versuchte es tatsächlich nicht. Welchen Sinn hätte es gehabt? „Warum?” keuchte sie. „Was hab ich denn getan?”[...] Er zog sie mit einem Ruck näher zum Abgrund. Sie lag schräg vor ihm, wimmerte, zitterte, krallte sich an seinen Arm. „Das nutzt nichts, Kindchen”, sagte er, fast zärtlich. „Es hat keinen Zweck. Du machst es dir nur selbst schwer.” Noch einmal liebkoste er ihren nackten Körper mit seinem Blick. Dann stieß er sie über den Abgrund. Im gleichen Moment schob er sich nach vorne, so daß sein halber Oberkörper hinausragte. Er sah sie fallen. Sie fiel genau auf den nadelspitzen Felsen zu. Grimsby sah’s mit angehaltenem Atem und weit aufgerissenen Augen. Jetzt! Jetzt mußte sie von der Spitze aufgespießt werden! Enttäuscht atmete er aus. Sie war haarscharf vorbeigefallen. Seine Enttäuschung verflog so schnell, wie sie aufgekommen war.

Man könnte aus diesen Zeilen schon die Blueprints für spätere Blut & Beuschel-Orgien a lá “Hannibal Lecter” oder gar “Hostel” und die nachfolgende Torture Porn-Welle im Hollywood-Kino herauslesen. Dass diese Hefte nicht lange erscheinen durften, scheint klar – nach zahllosen Indizierungen versuchte man in der laufenden Dr. Morton-Serie die Sex- und Gewaltdarstellungen zu minimieren, konnte aber ein Verbot nicht mehr verhindern. Schnell erfand man einen “positiven” Bruder von Dr. Morton namens Der Lord, der als Verbrechensbekämpfer eng mit Scotland Yard zusammenarbeitete; wegen mangelnder Absatzzahlen wurde die Reihe allerdings bereits nach 28 Ausgaben wieder eingestellt. Noch einmal versuchte man, mit “Dr. Morton-Großbänden” und dem “Dr. Morton-Kriminalmagazin” einen Neustart, da aber auch diese Serie auf die harten Elemente des Originals verzichten musste, war ihr keine Zukunft beschieden und somit wurde der wahnwitzige Doktor dann endgültig zu Grabe getragen. Was bleibt, ist eine bizarre Fußnote in einer unglaublichen Flut von billigen Gruselheften.

***

Mit großer Freude habe ich kürzlich die zweite Ausgabe der fantastischen Omen-Reihe von Melchior v.·. Wahnstein erhalten; wer sich so ein Pseudonym ausdenkt, und auf eigene Faust das Gruselroman-Genre wiederbelebt, kann bei einem Fanboy wie mir eigentlich sowieso nur gewinnen. Die Hintergrundstory von Omen handelt von einer uralten, geheimen Organisation zur Abwehr paranormaler Phänomene namens PANTHERION; im ersten Heft hatte PANTHERION die Studentin Sabine Glocker aus den Fängen eines bösartigen Ariosophen-Verbandes(!) gerettet, der sie einer “ausserweltlichen Gottheit” opfern wollte und danach gleich rekrutiert. Ihre neuen Kollegen sind (ich zitiere aus “Was bisher geschah”): “der charismatische Viktor Augenfeld, ein Geheimdienst-Deserteur, der unzugängliche Alexander Freytag, ein Magier mit zwielichtiger Vergangenheit und Mark Vectoric, ein gleichermassen hochintelligenter wie hypersensibler Computerspezialist und Opfer eines Mind-Control-Experiments.” Na wenn das mal nicht ein mega-geiles Setting ist! Im ersten Band hatte Sex eine grosse Rolle gespielt, während im Nachfolger nur einmal gefickt wird (das dafür aber sehr intensiv); im weiteren entspannt sich eine Abenteuergeschichte im besten Sinne um ein uraltes Rätsel, ein mysteriöses Tunnelsystem und ein Monster von Lovecraft’scher Brillanz – da spucke ich jetzt grosse Töne, aber das Niveau von “Der Schrecken aus dem Untergrund”, so der Titel des vorliegenden Bandes, schlägt eine ganze Menge einschlägiger Belletristik-Schinken tatsächlich um Längen (von Heftroman-Niveau wagt man hier schon gar nicht mehr zu sprechen).

Die Omen-Hefte kann man über den Blog www.grotesqueverlag.wordpress.com zum Spottpreis von 2,20€ plus Versand bestellen – ich kann den Erwerb nur dringendst empfehlen und freue mich schon auf Band Nr. 3, “Codename: Frozen Shadow”, der hoffentlich in Bälde erscheinen wird.

***

Dr. Morton auf Groschenhefte.net.

Infos zu Pantherion.

Techno-Thriller.

Manchmal werden Genres erfunden, die es in der Realität dann gar nicht gibt; das kennt man ja hinlänglich, z.b. aus der Popmusik. Es gibt aber auch Genres, die zwar im anglo-amerikanischen Sprachraum etabliert sind, bei uns aber einfach nie Fuss gefasst haben – ein Novum eigentlich, da uns ja Amerika nach wie vor trendmässig regiert.

Genauergesagt rede ich hier von der belletristischen Gattung des Techno-Thrillers, für die es bei der deutschen Wikipedia keine Definition gibt, bei der englischsprachigen Wiki aber schon. Überhaupt wundere ich mich, dass Thriller im allgemeinen keine Lobby zu haben scheinen; kaum jemals wird über sie berichtet, Zeitschriften zum Thema gibt es auch keine – sehr verwunderlich bei einem so absatzstarken Markt, denn entsprechende Titel verkaufen sich teilweise sogar millionenfach.

Superspion, Autor, James Bond-Erfinder: Ian Fleming

Nun will ich aber meine ganz persönliche Definition zum besten geben: Der Techno-Thriller wurde meiner Meinung nach von Ian Fleming erfunden, dessen Roman “Casino Royale” 1953 zum ersten Mal Superspion James Bond auftreten lässt. Als weitere Vorväter könnten Michael Crichton mit “The Andromeda Strain”(1969) und Tom Clancy mit “The Hunt for Red October”(1984) gelten. An den erwähnten Büchern kann man bereits sehr schön drei verschiedene Hauptthemen ausmachen, die sich in vielen Variationen in fast jedem heutigen Techno-Thriller wiederfinden.

Bei “The Andromeda Strain” hätten wir den tödlichen Supervirus, der die Welt über Nacht in eine Katastrophe stürzt, “The Hunt for Red October” bietet politische Einsichten in die Zeit des Kalten Krieges und versorgt den Leser mit einer Fülle an technischen Details (in diesem Fall über U-Boot-Technologie) und “Casino Royale” führt den harten, kampferprobten Serienhelden ein – seit den neueren Büchern von James Rollins und Matthew Reilly wieder ein ganz wichtiger Teil des Techno-Thrillers.

Das geniale am Techno-Thriller ist ja, dass er verschiedenste Genres in sich vereint. Neben Elementen des Spionage- und des Kriegsromans sowie “filmisch” inszenierten Actionszenen finden wir in fast jedem Werk Science Fiction-Elemente (die hauptsächlich die beschriebene Technologie betreffen) und auch einen großen Batzen Fantasy. Meistens geht es da um irgendwelche durch Zufall entdeckten, wunderhaften Artefakte aus uralter Zeit, um deren Besitz ein durchwegs bewaffneter Konflikt zwischen den “Guten” und irgendeinem sinistren Bösewicht samt perfekt ausgerüsteter Privatarmee entbrennt.

Clive Cussler (re.) und sein Sohn Dirk, der ebenfalls NUMA-Romane schreibt.

Ich persönlich bin ein ganz grosser Fan von Clive Cussler, der die Gattung Techno-Thriller seit vielen Jahren um eine maritime Komponente bereichert. Sein Serienheld Dirk Pitt ist Marine-Ingenieur der Organisation NUMA (National Underwater And Marine Agency). Das klingt erstmals nicht besonders spannend, wird es aber, weil die NUMA über fast unbegrenzte Befugnisse und gewaltige Ressourcen verfügt und neben ihrer eigenen Riesenflotte natürlich jederzeit andere Schiffe, Flugzeuge und was man sonst halt noch so braucht, vom US-Militär anfordern kann.

Und Dirk Pitt (selbstverständlich ein gut aussehender, durchtrainierter Superman) arbeitet ja auch niemals in seinem eigentlichen Job, weil er andauernd im Kampf um irgendwelche unglaublichen Artefakte gegen die Bösen kämpfen muss (siehe oben). Was mir so gut gefällt an Cusslers Werken, die eigentlich Abenteuerromane im besten Sinn darstellen, ist der ständige Wechsel an Schauplätzen. In Akte Atlantis etwa rettet Pitt ein paar Archäologen samt einem Schädel aus schwarzem Obsidian aus einer mysteriösen Kammer in einem Bergwerk, welches von fiesen Protagonisten des Vierten Reichs (sic) zum Einsturz gebracht wird, worauf die NUMA nach weiteren Schädeln sucht, z.b. auf einem im antarktischen Eis eingeschlossenen Schiff, auf einer winzigen Insel im Atlantischen Ozean und auf unzähligen weiteren Schauplätzen über die ganze Welt verstreut; dabei muss Pitt einige halsbrecherische Tauchgänge bewältigen, mit einem Motorrad durch Bergwerksstollen brettern, mit diversen Flugzeugen, Hubschraubern und einem Hot Rod herumdüsen und mit einem Eisbrecher durch Packeis stossen.

Um gegen die Bösen zu bestehen, hat Pitt im direkten Einsatz eigentlich nur seinen besten Freund Al Giordino aufzubieten; andere Autoren haben da gleich mehrköpfige Einsatzteams mit fixer Aufgabenverteilung am Start. Und überhaupt ist das alles ja (wie so oft) von alten US-Pulps geklaut. James Rollins, ehemaliger Tierarzt und Bestsellerautor, gibt das auch offen zu und nennt als grosses Vorbild seiner Romane die amerikanische Pulp-Serie Doc Savage. Liest man deren Beschreibung, klingt das nach einer sehr frühen Vorlage für “Actionkrimis mit Superhelden” aka Techno-Thriller: “Doc Savage’s real name is Clark Savage, Jr. He is a physician, surgeon, scientist, adventurer, inventor, explorer, researcher, and, as revealed in ‘The Polar Treasure’, a musician. A team of scientists assembled by his father deliberately trained his mind and body to near-superhuman abilities almost from birth, giving him great strength and endurance, a photographic memory, a mastery of the martial arts, and vast knowledge of the sciences.[...] His office is on the 86th floor of a New York City skyscraper, implicitly the Empire State Building, reached by Doc’s private high-speed elevator. Doc owns a fleet of cars, trucks, aircraft, and boats which he stores at a secret hangar on the Hudson River, under the name ‘The Hidalgo Trading Company’, which is linked to his office by a pneumatic-tube system nicknamed the ‘flea run.’ He sometimes retreats to his Fortress of Solitude in the Arctic — which pre-dates Superman’s similar hideout of the same name. All of this is paid for with gold from a Central American mine given to him by the local descendants of the Mayans in the first ‘Doc Savage’ story.” (Quelle)

Doc Savage, der "Mann aus Bronze".

Der Schattenmeister.

Die letzten Tage habe ich mich bei R. eingebunkert, einem lieben Freund, der hingebungsvoller Verehrer und Sammler von alten, uralten Kinoschätzen ist. Ausserdem ist R. ein wandelndes Filmlexikon im wahrsten Sinn des Wortes – wahllos zu einem Film, Schauspieler oder Regisseur befragt, ist er imstande, nicht nur die gewünschten Infos, sondern gleich ganze Abhandlungen dazu zu liefern, alle wichtigen Querverweise inklusive.

Titan des Stummfilms: Emil Jannings (Der letzte Mann, F. W. Murnau, 1924)

Für mich ist es ganz wichtig, mich mehrmals im Jahr in so eine Kinowelt zurückzuziehen, wo der Farbfilm noch keine Rolle spielt und die mitwirkenden Protagonisten längst alle tot sind. Es ist dies nämlich mein Pantheon wahrer Bildmagie. Nimm zum Beispiel mal einen Stummfilm her: Den siehst du dir ja nicht so einfach nebenbei an; du nimmst dir Zeit, stellst dich darauf ein und wirst auf verschiedene Weise ganz besonders berührt. Durch die Absenz der Sprache nämlich wirken alle Gesichter, alle Gesten doppelt so stark, die altmodische Musik bringt dich in diese ganz besondere Stimmung; und wenn du (was alle Liebhaber dieses Genres tun) dir solche Klassiker in den mühevollst restaurierten, gereinigten, quasi aufpolierten Fassungen ansiehst, wirst du mit einem Leuchten, einem unerklärlichen Glanz belohnt, den du heute in keinem Kinofilm mehr finden wirst.

Szene aus "Die Nibelungen" (F. Lang, 1924)

Begeht man also in dieser Weise eine rituelle Handlung, bekommt man relativ schnell das Gefühl, die längst verstorbenen Schauspieler in ihren längst verblichenen Gewändern in längst zu Staub zerfallenen Gebäuden rufen einen aus einer anderen Welt, einer anderen, ewigen Dimension, und man versteht, warum sich in der Frühzeit des Kinos so viele Männer und Frauen auf dem Altar dieser unauslöschlichen Lichtspiele geopfert haben.

>Die ersten zwei Minuten aus Fritz Langs Meisterwerk “Spione” (1928) mit dem unvergleichlichen Rudolf Klein-Rogge.<

Es gab natürlich auch noch nach der Ära des Stummfilms Werke mit dieser ganz speziellen Magie; die Hinzunahme des Tons schadete dem Charisma nicht. Ein wunderbares Beispiel für so einen Experten der cineastischen Verzauberung ist zum Beispiel der von mir hochverehrte Regisseur Jacques Tourneur, dem ich hier meinen bescheidenen Tribut zollen möchte. Der nach Hollywood emigrierte Franzose, ein stiller, bescheidener Mann, drehte nämlich ein paar düstere, stimmungsvolle Meisterwerke, die heute leider ausser unter Eingeweihten und Fans kaum mehr bekannt sind, für mich aber zu den Sternstunden des magischen Kinos zählen.

Jacques Tourneur (1904-1977)

Cat People, 1942 gedreht (die Produktion übernahm ein zu früh verstorbenes Genie namens Val Lewton, von dem in Phantastick sicher noch einmal die Rede sein wird), ist so ein definitiver, magischer Film für mich: Die Story um Hexerei, einen Fluch, Aberglauben, und um eine Frau, die sich bei sexuellen Annäherungen in eine Raubkatze verwandelt, wird von Tourneur abseits jeglicher Effekthascherei und billiger Gruseleffekte inszeniert. Dafür belohnt uns der Regisseur mit einem unheimlichen Film, dessen ebenso stimmungsvolle wie bedrohliche Schwarz-Weiss-Malerei noch heute für Gänsehäute sorgt.

Tourneur hat natürlich noch viele weitere große Werke gedreht, The Leopard Man, I Walked with a Zombie oder Out of the Past, vermutlich einer der besten Noir-Filme überhaupt. Seinen Höhepunkt erreichte er mit dem 1957 inszenierten Meilenstein “Night Of The Demon”, einer ziemlich mysteriösen Geschichte um einen satanischen Kult und schwarze Magie. Leider wurde gegen den Willen des Regisseurs am Anfang und am Ende ein Monster in den Film hineingeschnitten (sowie die amerikanische Verleihfassung unter dem Alternativtitel “Curse Of The Demon” um 13 Minuten verkürzt und somit ihrer Logik und ein paar beeindruckender Szenen beraubt); doch nicht einmal solche Vergewaltigungen seitens der Produktionsfirma können den Ruhm dieses bedrohlichen Meisterwerks schmälern. Der folgende Auschnitt zeigt eine Séance, bei der das Medium den eine Untersuchung leitenden Skeptiker aus Amerika unmißverständlich vor Unheil warnt; diese Szene, gleichzeitig unheimlich wie auch humorvoll, zeigt auf beeindruckende Weise das Können von Jacques Tourneur.

Kate Bush liess sich übrigens von der “Night Of The Demon”- Dialogzeile “It’s in the trees! It’s coming” zu ihrem Song “Hounds Of Love” inspirieren, und Meisterregisseur Martin Scorsese nahm den Film in seine Liste der “11 Scariest Horror Movies Of All Time” auf, was doch einiges über den Stellenwert dieses Werkes aussagt. Leider bekam Tourneur später kaum mehr Gelegenheit, solche Filme zu drehen; der Regisseur fristete sein Altersdasein, in dem er diverse Folgen für die Westernserie Bonanza herunterkurbelte. Der Titel eines unrealisiert gebliebenen Drehbuchentwurfs aus jener Zeit vermag unsere Fantasie allerdings bis zum Äussersten anregen: “Whispering In Distant Chambers”, vermutlich nach einem Gedicht von Peter Pan-Erfinder James Matthew Barrie: “A house is never still in darkness to those who listen intently; there is a whispering in distant chambers, an unearthly hand presses the snib of the window, the latch rises. Ghosts were created when the first man awoke in the night.

Soweit also der erste Ausflug von Phantastick in die magische Schattenwelt alter Hollywoodfilme; weitere Exkursionen werden demnächst folgen.

***

Katzenmenschen (Cat People) solltest du besitzen. Und damit meine ich nicht das Remake.

Die einzige DVD von “Night Of The Demon” gibt es hier.

Und hier die einzige Tourneur-Biographie.

A.

Zum Buchstaben A habe ich eine besondere Beziehung. Man könnte jetzt natürlich meinen, ich wäre nie weiter gekommen im Alphabet und könnte ausserdem nicht weiter als bis drei zählen, aber das A hat für mich die Bedeutung purer Science Fiction. Das hat den folgenden Grund, weil ich mir als Teenie einmal eine Originalkassette von Jethro Tull gekauft habe und die hatte ein so geniales Coverphoto, welches ich beim Anhören der Musik stundenlang betrachtete, und das hat mir immer wieder fantastische Geschichten erzählt.

Nun, in den Zeiten von mp3 und der ständigen Zeitnot ist das stundenlange, illuminierende Anstarren von Bandphotos wohl endgültig vorbei; aber das A zumindest hat mich kürzlich wieder erwischt, und zwar in der Gestalt des überaus skurrilen “Superhelden” Mr. A.

Mr. A ist ein Relikt aus der seltsamen Zeit des Kalten Krieges und sein Schöpfer ein noch seltsamerer Mann. Steve Ditko, in den 1960er-Jahren als Mitschöpfer von Spiderman und als einer der wichtigsten Doctor Strange-Zeichner mindestens so prominent wie Jack Kirby, ist heute nur noch einer eher überschaubaren Anzahl von Eingeweihten bekannt.

Eines der wenigen Fotos, die von Steve Ditko existieren.

Das liegt zum einen daran, dass Ditko immer ein zurückgezogener, wortkarger Künstler war, der das Rampenlicht seiner Kollegen bei Marvel vermied (es gibt bis heute nicht mehr als drei Fotos von ihm, die noch dazu aus den 1950er-Jahren stammen) und zum anderen, dass sein Weg spätestens ab den 1970ern vom Comic-Mainstream in die Gefilde des Undergrounds und der Outsider-Art führte; dies hauptsächlich wegen seiner kauzigen und konservativen Ansichten, die ihn bei liberalen Comicfans damals zur Persona non grata machten.

Die Hippie-Kommunen, die seine Doctor Strange-Comics deswegen kultisch verehrten, weil sie dachten, dass diese unter LSD-Einfluss entstanden seien, hatten ein vollkommen falsches Bild von diesem in sich gekehrten, halstarrigen Mann, der Drogenkonsum entrüstet ablehnte und grosse Probleme mit seiner unfreiwillig gewonnenen Zielgruppe hatte.

Ayn Rand (1905 - 1982)

Ditko war glühender Anhänger des Objektivismus, einer dogmatischen Pseudophilosophie der russischen Exilantin Ayn Rand, die auf der Basis eines langweiligen Romans namens “Atlas Shrugged” ihre Lehre des Randschen Objektivismus entwickelt hatte. Im Wesentlichen geht es dabei darum, dass der Mensch mittels Tugend, Stolz und Rationalität in seinem Leben nach dem streben sollte , was ihm gut tut, ihn also vorwärts bringt (damit sind natürlich tadellose moralische Vorstellungen verbunden); das Schlechte, Abartige dagegen muss erkannt, abgelehnt und ausgemerzt werden.

Mit den Definitionen von “Gut” und “Schlecht” wollen wir uns hier gar nicht erst aufhalten – die egoistische, eindimensionale Sichtweise des Objektivismus hat in der Realität unseres vielschichtigen Universums logischerweise keine sonderliche Relevanz, weswegen sich die Objektivisten wohl nichts sehnlicher als eine übergeordnete Instanz wünschten, welche über das “Schlechte” ultimativ richten würde. Und genau diese Sehnsucht setzte Steve Ditko in seinen späteren Comics um; zuerst in seiner Figur The Question für Charlton Comics und danach in der Kreation von Mr. A, dem ultimativen Weltenrichter.

Vorgänger von Mr. A: "The Question"

Dieser Mr. A, der ebenso wie The Question mit einer Gesichtsmaske ausgestattet sein musste, um seinen universalen Anspruch als Richter über Leben und Tod (frei von persönlichen Gefühlen) zu unterstreichen, machte nun Jagd auf alles “Böse”, welches Ditko in den Sinn kam. Und Mr. A tötete auch ohne Gnade, ein Novum in der damaligen Comicwelt; meines Wissens war der Punisher bei Marvel ein paar Jahre später der erste, der in Mainstream-Comics böse Buben unter die Erde brachte (allerdings war der Punisher im Gegensatz zu Mr. A auf einem persönlichen Rachefeldzug, da Gangster seine Familie ausgerottet hatten).

Bildnis mit Gasmaske: The Punisher

Seine wortlastigen und quälenden Traktate brachte Ditko zu jener Zeit  in Kleinstverlagen oder im Eigenverlag heraus – bei Marvel hatte er aus bis heute unbekannten Gründen auf dem Weg zu sehr grossem Erfolg über Nacht gekündigt, und beim Rivalen DC versuchte er sich relativ erfolglos an einigen Serien wie Shade, the Changing Man oder dem Creeper, einem wunderbar absurden Superhelden, der nichts anderes tat, als seinen Feinden mit sinistrem Gelächter auf die Nerven zu gehen.

Mit Ditko-Comics geht es mir so wie mit den Filmen von Michael Haneke: Ich mag sie nicht, aber man muss sich das zumindest einmal betrachten, weil es zugegebenermassen brillant ist. Steve Ditko hat ja auch einige sehr prominente Verehrer, die diese grossartig gezeichneten Obskuritäten zu schätzen wissen. Und dass Alan Moore die Figur des Rorschach in dem wohl grössten Comic-Werk der Neuzeit, Watchmen, auf der Basis von Mr. A konstruiert hat, ist unter Fans sowieso kein grosses Geheimnis; genial, wie Moore es schafft, dass wir uns von Rorschach mit Abscheu abwenden wollen, es aber nicht können, da wir in gleichem Masse fasziniert sind – und im Endeffekt müssen wir voller Widerwillen eingestehen, dass in diesem kaputten Universum voller kaputter Typen Rorschach von uns die meisten Sympathien abbekommt, da er zumindest seinen Prinzipien treubleibt, so verwerflich diese auch sein mögen.

Wie genau Alan Moore Mr. A verstanden hat, zeigt ein Songtext, den er für seine Band The Emperors Of Ice Cream geschrieben hat. Diesen rezitiert er nun für uns (in einem Auschnitt der grandiosen BBC-Doku “In Search Of Steve Ditko”). Das ist ein bisschen zum Fürchten, gleichzeitig aber auch sehr verehrungswürdig.

Übrigens: Wenn es so eine Art Lieblingscomic für mich von Steve Ditko gäbe, dann wäre das wohl “The Mocker” aus den 1980er-Jahren. Natürlich ist der Mocker wieder so ein selbstherrlicher Richter, aber mit einer noch strangeren Note. Hier ein Panel zum Geniessen.

Ein Panel aus "The Mocker". Anklicken für grössere Ansicht!

***

Das könnte dich interessieren:

Strange Suspense – The Steve Ditko Archives.

Und Watchmen (falls du es nicht sowieso schon besitzt).

Nerdtalk.

Irgendwie komme ich mir zur Zeit vor wie damals, als  mp3-Dateien langsam, aber sicher meine sauteuer erworbenen Schallplatten und CDs ablösten. Ich besitze bereits dermassen viele Comics in digitalem Format, dass ich die in Zukunft mit meinem iPad-Clone lesen und auf den Erwerb physischer Comics verzichten werde.

Gerade Klassiker der Comic-Literatur wie diese uralten, supergeilen EC Comics oder total rare Jack Kirby-Ausgaben wie OMAC sind im cbr-Format kinderleicht aufzutreiben, über den Amazon Marketplace oder Ebay ist das ja oft die reine finanzielle und zeitmässige Qual.

Freilich, wenn man in einem Blog über Comics philosophiert, sollte man schon eine “richtige” Bibliothek zuhause haben. Ich zeige die an dieser Stelle mal her, ehrlicherweise auch weil ich ziemlich stolz drauf bin.

Für mein Blog und meine Existenz als Comic-Fan habe ich übrigens etwas mega-luxuriöses vorzuweisen: Ich besitze einen eigenen Comic-Berater. Bernhard, so sein Name, ist derjenige, der vor einigen Jahren mit einem Gespräch auf einer Parkbank meine alte, eingeschlafene Liebe zum Comicversum wieder erweckt hat. Seitdem geht es jeden Tag kaum noch um was anderes für mich. Und das Comicversum ist auch auf mich aufmerksam geworden.

In diesem Artikel habe ich ja bereits einmal die sehr interessante These von Magier und Comicautor Grant Morrison in seinem epochalen Buch “Supergods” zitiert – nämlich, dass das Comicversum eine durch jahrelange Beschäftigung und Liebe von Machern und Fans belebte Dimension ist, die durchaus auch in der Lage sein kann, in unserer Realität etwas zu bewirken. Das habe ich die letzten Tage am eigenen Leib zu spüren bekommen, weil das Hellboy-Universum anscheinend wollte, dass ich es endlich betrete. Zuerst entdeckte meine Freundin auf einem Flohmarkt diese geniale, riesengrosse Hellboy-Figur, tags darauf schneite Bernhard mit einem Riesensack zur Tür herein und vermachte mir seine gesamte Hellboy- und B.U.A.P.-Sammlung (er besaß sie nämlich auf deutsch und englisch).

Da fragt man sich doch: geht das noch mit normalen Dingen zu? Hat Hellboy mir tatsächlich ein Zeichen gegeben? Bin ich bereits vollkommen gaga? Eigentlich egal, denn wichtig ist vor allem, dass meine Nerd-Freunde dieser These zustimmen, alle anderen verstehen mich ja sowieso kaum, wenn ich nur über das Thema Comics spreche, gell.

Bernhard ordnet meine Comic-Sammlung nach strengen Continuity-Regeln.

Apropos Bernhard (der übrigens auch ein sensationeller Comic-Continuity-Berater ist, weil er ein phänomenales Gedächtnis hat): Wenn meine Comicsammlung ein schön gepflegter Mittelklassewagen ist, dann wäre seine Sammlung ein Maybach. Echt jetzt. Guck dir doch diese wohlsortierte, edle Schönheit an:

***

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.