Dr. Tods Höllenfahrt oder die Wiederkehr des Gruselromans.

Comicfreaks, die sich mehrmals am Tag gegenseitig anrufen, um sich zu erzählen, was Batman schon wieder im neuesten Trade XY widerfährt, oder welche irre Parallelwelt Grant Morrison in seinem allerneuesten Werk erschaffen hat, müssen natürlich immer wieder damit rechnen, vom Rest der sich für “erwachsen” haltenden Menschheit schief angesehen oder verlacht zu werden.

Da gibts dann schon auch mal so Aussagen wie (mir persönlich passiert): “Meinst du nicht, dass du schön langsam zu alt zum Comiclesen bist?” Ha! Was wissen solche Ignoranten schon von der unglaublichen Komplexität und Reife der meisten Comic-Erzeugnisse? Oder davon, was solche bunten oder schwarz/weissen Bilder mit deinem Hirn anstellen, wenn du dich auf Geschichten von Alan Moore oder Neil Gaiman einlässt? Das ist eine noch junge, unglaublich starke Form von Magie, ein Transportmittel in Sphären, in denen wir zuvor noch niemals waren.

Es gibt aber etwas, das noch weniger Ansehen geniesst – die allerniedrigste Form von Trivialliteratur, der Heftroman. Gerade der aber hatte es mir (wie so vielen anderen) in langen Spannen meines Heranwachsens angetan; das heute fast schon vergessene Genre des Gespensterkrimis war meine grosse Leidenschaft.

Nie werde ich die unzähligen dünnen Heftchen mit den schundigen Gruselcovern vergessen. Mit glühenden Ohren verfolgte ich die Abenteuer von Larry Brent, Professor Zamorra, Tony Ballard, Macabros oder später John Sinclair. Da waren Stunden in verstaubten Antiquariaten, wo man sich durch Tonnen dieser Erzeugnisse wühlte, die Nummern der Heftromane mit mitgebrachten, handgeschriebenen Listen verglich, um der Oma am Tresen dann einen Teil seines sauer erkämpften Taschengeldes hinzublättern.

Das Papier und der Druck waren so billig, dass man immer graue Fingerkuppen vom Umblättern bekam. Das war egal, jedes neuerworbene Heftchen verprach neue Attacken durch Untote, Hexen, Vampire, Geister oder schrecklichen Monster. Die Hölle war in diesen Romanen immer gut organisiert, bereit, nach der Herrschaft des Lichts zu greifen – zum Glück gab es immer einen markigen, verflucht gutaussehenden Helden, der mittels Talismanen, Amuletten, geweihten Silberkugeln oder einfach nur mit seinen Fäusten den bösen Monsterbuben das Fürchten lehrte.

Nebenbei hatte der auch immer fantastische Assistentinnen, meist rothaarig, mit “unergründlich tiefgrünen Augen” und selbstverständlich mit einer absoluten Traumfigur. Und die wollten einfach immer Sex haben, sie waren vernarrt in den Geisterjäger! Der aber hatte wichtigeres zu tun (die Welt retten eben) und nur manchmal wurden die heissen Blicke und Verführungskünste erhört.

Vor einiger Zeit hatten ein paar Freunde und ich so einen Sentimentalitätsanfall und wollten wieder die Gespensterkrimis unserer Kindheit lesen, dieses Gefühl von damals wieder einfangen (die anderen waren etwas vorsichtiger als ich und kauften sich ein oder zwei Hefte, während ich in einem Antiquariat gleich eine halbe Tonne Gruselromane erwarb). Nun, es kam wie es kommen musste – verzweifelt versuchten wir, bei dem unglaublich miesen Geschreibsel und den unfassbar hohlen Sätzen nicht in hysterische Lachkrämpfe zu verfallen; dieser Mythos aus vergangenen Zeiten hatte sich leider endgültig entzaubert.

Natürlich waren Heftromane schon immer schlecht geschrieben, als Jugendlicher bemerkte man das nicht oder es war einem egal, die Fantasie war eben bereit, sich beim geringsten Anstoß zu entzünden. Damals fanden wir sowas normal: “Was will ich mit der Axt? Warum habe ich sie geholt? Was soll das bedeuten?” Adam Brooks stellte sich die Frage flüsternd, als er aus dem Auto stieg. Sein Gesicht glich einer bleichen Maske. Nur die Augen lebten. Doch auch sie zeigten keinen normalen Blick mehr, in ihnen loderte sowas wie ein dunkles Feuer. Es schien wie ein Antrieb für den Mann mit der Axt zu sein. Seinen Wagen hatte er verlassen und schaute sich nun um. Etwas zwang ihn, die Gegend zu erkunden, in der er seine Zeichen hinterlassen würde. Es gab den Befehl, und er konnte sich nicht dagegen wehren...” (Jason Dark, Geisterjäger John Sinclair, “Gedanken des Grauens”) Heute gelingt es selbst mit grösster Willensanstrengung nicht mehr, aus solch hölzernen Sätzen auf Schulaufsatzniveau noch das geringste Quentchen Atmosphäre heraus in seinem Kopf zu erzeugen.

Klar, die Autoren hinter diesen Werken waren eben keine Schriftsteller mit einer Mission; hinter Dan Shocker, Bob Fisher oder Jason Dark verbargen sich hart arbeitende Menschen, die unter anderen Pseudonymen auch Western-, Liebes-, Heimat-, Ärzte-, oder Fürstenromane schrieben. Und das im Schnelldurchlauf, denn bezahlt wurde ganz sicher nicht nach der Genialität des abgelieferten Epos, sondern nach der Anzahl der Buchstaben. Mein Lieblingspseudonym von damals übrigens ist Henry Ghost, der für die kurzlebige Serie OCCU schrieb; dahinter verbarg sich niemand anderer als der Gesundheitsexperte Hademar Bankhofer, der heutzutage im österreichischen Nachmittagsfernsehen Ernährungstipps gibt.

Hademar Bankhofer, früher "Henry Ghost", heute Gesundheitsexperte im Fernsehen.

Was mich allerdings weiter beschäftigt hat, war der Gedanke, ob man nicht im Rahmen so eines Schundheftchens wirklich entgrenzte Literatur schreiben könnte – also sowas wie eine Verbindung aus amerikanischen Hardboiled/Noir-Tugenden mit Szenarien aus Filmen wie Saw oder Hostel. Und tatsächlich gibt es in letzter Zeit erste Versuche diverser Autoren und Verlage, den Heftroman auf anderem Niveau wiederzubeleben.

Zum einen ist da der relativ junge, erfrischende Verlag des hochverehrten Netzmagazins Evolver: Evolver Books hat neben grandiosen Werken wie “The Nazi Island Mystery” und “Scott Bradley  - Blondinen, Blobs und Blasterschüsse” auch ein tatsächliches Schundheft im Programm, das sich mit dem herrlichen Titel Super Pulp schmückt und dessen Inhaltsangabe den Connaisseur wirklich scharf macht: “Was passiert, wenn Robo-Terroristen einen intergalaktischen Schnellzug überfallen? Wenn eine einsame Militärfestung von einem uralten Schamanenfluch ereilt wird? Und wenn Kay Blanchard als Studentin durchs zerbombte Beirut gejagt wird? Wir kennen die Antwort – und beleben das gute alte Schundheft wieder.

Wahnsinn: Melchior von Wahnstein...

Zum anderen ist mir vor einiger Zeit ein im Verlag Prequel (Edition Grotesque) erschienenes Heft aufgefallen, dessen mysteriöser Autor mich alleine mit seinem Pseudonym Melchior von Wahnstein sofort zu begeistern wusste. Laut autobiographischen Angaben sei dieser “der letzte Nachkomme eines verrufenen Geschlechts aus den düsteren Wäldern der Obersteiermark, lebe vom Familienerbe und übe sich in der Kunst des Auralesens und der Psychometrie.” Ich hatte inzwischen Gelegenheit, den Autor kennenzulernen, darf allerdings keine näheren Angaben machen, da Wahnstein angeblich Leiter regelmäßig stattfindender okkulter Riten ist, in denen er “mit der Geisterwelt” kommuniziert; und wie wir wissen, scheuen Mitglieder oder gar Meister/Großmeister magischer Zirkel oder Orden ja eher die Öffentlichkeit.

Sein Heft jedenfalls, “Im Netz der Betörung”, als Erstlingswerk einer fortlaufenden Reihe namens Omen, ist ein süchtigmachendes Gebräu aus Mystery und heissen Sexszenen. Immer bleibt Wahnstein im Duktus des Schundromans – und transzendiert ihn doch lustvoll und virtuos mit jedem Satz. Das fühlt sich dann an wie “Der Engel vom westlichen Fenster” in heftiger Kopulation mit Fanny Hill. Oder so ähnlich.

Die Story von “Im Netz der Betörung” ist neben der erregenden Handlung auch gleichzeitig eine Einführung in die faszinierende Welt einer Geheimorganisation namens Pantherion, welche ihren Sitz unter dem Schloßberg, dem Wahrzeichen der steirischen Hauptstadt Graz hat, und von dort aus mit den nötigen High-, bzw. Low-Tech-Waffen tapfer gegen Eindringlinge und Monster aus fremden Dimensionen kämpft.

Pantherion: Das Team

Pantherion ist auch der Titel einer gerade im Entstehen begriffenen Mysteryserie. Aber dazu ein anderes mal mehr, denn da gibt es sehr viel zu erzählen…

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Die Jungs hier von Gruselromane.de sind echte Nerds.

Im Netz der Betörung” kann man unter der Mailadresse prequel@chello.at zum Preis von 2, 20 € plus Versandkosten bestellen.

Evolver.

Pantherion.

Nostalgie.

Bevor wir uns hier in aktuelleres Comic-Geschehen stürzen, ein verklärter Blick zurück auf die Institutionen, welche unsere Superhelden-infizierte Kindheit geprägt haben: der Bildschriftenverlag mit seinen Hit-Comics, Ehapa und der Condor-Verlag. Von den späten 1960er- bis weit in die 1980er-Jahre hinein waren diese drei die einzige Möglichkeit für uns, an dem aufregenden Leben von Superman, Batman und Co. zu partizipieren, denn wer hatte schon die Möglichkeit, sich die amerikanischen Originale zu besorgen?

Früher Altpapier, heute wieder Sammlerobjekt.

Wie auch bei unzähligen Filmen der damaligen Zeit wurde da alles für den deutschen Sprachraum zurechtgestutzt und zurechtgebogen. Die klangvollen englischen Namen von Superman und Batman wurden kurzerhand zu Supie und Bats verändert, Spiderman wurde zur Spinne, Flash zum Roten Blitz, der unglaubliche Hulk wurde zu Beginn noch “Halk” genannt; legendär auch die X-Men, die auf deutsch zu den X-Männern und später zur Gruppe X mutierten (sic).

Wenn man die heutigen Comics mit den damaligen einschlägigen Erzeugnissen vergleicht, kommt man nicht umhin, unglaubliche Mängel zuzugeben: Die Bindung war dermassen miserabel, dass die kleinen Büchlein oftmals bereits beim ersten Aufschlagen auseinanderfielen. Die Colorierung war ungenau und verblichen. Die Schrift in den Sprechblasen war seltsam gesetzt und war immer in der gleichen öden Schreibmaschinen-Typo verfasst.

Naja, und dann das Problem mit der Continuity. Auf diversen Webseiten mit umfangreichen Datenbanken bemühen sich heutzutage einige Verwegene, die amerikanischen Marvel & DC- Storys von damals mit ihren deutschen Pendants zu vergleichen. Ein mehr als schwieriges Unterfangen; in die kleinformatigen Bücher wurde nämlich standardmässig die Handlung von gleich fünf(!) Originalheften gequetscht, die aufgrund des beschränkten Platzes dermassen gekürzt wurde, dass ganze Story-Arcs nicht mehr als solche erkennbar waren. Und natürlich wurden auch die Texte der originalen Sprechblasen gekürzt und verändert.

Wir ältergewordenen Comic-Fans sind froh, dass die heutigen Übersetzungen der amerikanischen Trades mit unglaublicher Sorgfalt erstellt werden, oftmals übertrifft die Papierqualität und Farbintensität sogar die amerikanischen Originale. Und doch möchten wir die qualitativ minderwertigen Erzeugnisse unserer Kindheit keinesfalls missen (in meinem Fall habe ich vor einiger Zeit sogar begonnen, die Comics von damals wieder in Antiquariaten und auf Flohmärkten zu erwerben).

Das hat damit zu tun, dass Bats, Supie, die Spinne und der Mächtige Thor damals Eindrücke in uns heraufbeschworen, die absolute Initialerlebnisse waren. Ob es der erste Blick eines Freundes in einer Tabakwarenhandlung auf ein noch nie gesehenes Heft mit Batman am Cover war, das erste Entdecken eines anderen Freundes des Unglaublichen Hulk und der Fantastischen Vier während des damals obligatorischen Badeurlaubes mit der Familie in Jesolo und Bibione, oder mein erstes Mitfiebern mit einem aufregenden Kampf der Spinne gegen den grünen Goblin oder den fantastischen Dr. Octopus – da ging die Tür zu einer unfassbar bunten, süchtigmachenden Parallelwelt auf, die sich für die meisten von uns bis zum Ende unseres Lebens (und darüber hinaus, wer weiss?) nie mehr schliessen wird.

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