Rendezvous mit Superhelden.

Weil ich vor einigen Tagen auf der Zugfahrt von Graz nach Wien ein X-Men-Heft gelesen habe, habe ich in der folgenden Nacht gleich unheimlich intensiv von denen geträumt. An den genauen Inhalt des Traumes kann ich mich nicht mehr erinnern, aber die wichtigste Botschaft weiss ich noch: Die X-Men würden demnächst in der realen Welt erscheinen.

Nun habe ich mir natürlich schon als Kind nichts sehnlicher gewünscht, als dass meine damaligen Helden Spinne, Grüne Leuchte oder Supie selbst plötzlich irgendwie in meine Welt kommen und mich beschützen oder auf eine ihrer Missionen mitnehmen würden; als ich meine Comics allerdings mit zunehmender Pubertät gegen Taschenbücher von J. D. Salinger, Kerouac und Bukowski eintauschte, waren bald alle Sehnsüchte nach einem Rendezvous mit meinen Superhelden vergessen.

Nun würde der Wechsel dieser Superhelden von ihrem papierenen 2D-Universum in unsere Welt ja sowieso einige peinliche Fragen aufwerfen und überhaupt unabsehbare Katastrophen nach sich ziehen. Grant Morrison zitiert in seinem blitzgescheitem Buch “Supergods” eine Kurzgeschichte aus dem Jahr 1971, in welcher der SF-Schriftsteller Larry Niven sich getraut, die wirklich brennenden Fragen zu stellen: Geht Superman aufs Klo? Und wenn er seine Energie aus der Sonne bezieht und somit keine Rückstände in seinem Körper zurückbleiben, die ausgeschieden werden müssen, besitzt er überhaupt dementsprechende, ähem, Öffnungen? An diesen einfachen Beispielen erkennt man schon, mit welch fundamentalen Schwierigkeiten Superhelden in unserer Welt zu kämpfen hätten.

Davon abgesehen, wären ihre Kostüme für diverse Einsätze mehr als ungeeignet, da sie in den Zeichnungen hauptsächlich dem Effekt dienen. Mit wenigen Ausnahmen wären zum Beispiel die langen, wehenden Capes diverser Helden im Kampf ein unglaublicher Nachteil, weil sie sich darin verheddern würden oder an irgendwelchen Hindernissen hängenblieben. Ganz schlimm wären solche “Schmuckstücke” wie die Flügelsymbole an den Ohren und Stiefeln von Flash – immerhin könnten seine Gegner in der Realität darüber in Lachkrämpfe ausbrechen und so mit einem gewissen Überraschungsmoment überwältigt werden; den Gegner durch Lächerlichkeit besiegen hat zwar eine wunderbare pazifistische Note, ist in der Realität aber vermutlich undurchführbar.

Und überhaupt: Stell dir mal vor, was es bedeuten würde, wenn die Helden ihre Superkräfte einsetzen würden, das würde ja Schäden immensen Ausmasses verursachen. Gebäude würden dem Erdboden gleichgemacht, Menschen würden sterben – wären die Superhelden dann so eiskalt und so von ihrer Mission überzeugt, um dies als “Kollateralschaden” hinzunehmen? Garth Ennis hat dieses Problem übrigens unter anderem in seinem großartigen Meta-Comic “The Boys” zum Thema gemacht.

In der 2D-Welt der Comics akzeptieren wir Superhelden, da sie gegen virtuelle Superschurken kämpfen und wir das alles von unserem gemütlichen Standpunkt als Beobachter betrachten. In der Realität würde jeder einigermassen einer politischen Gesinnung fähige Mensch Schreikrämpfe bekommen, wenn ein Superpatriot wie Captain America anfangen würde, im Weltgeschehen herumzupfuschen. Die Tea Party plus alle hirnlosen US-Naivlinge würden solche Einsätze natürlich klasse finden, aber was wäre die Folge? Möglicherweise würden dann die Chinesen einen noch viel stärkeren Superhelden erschaffen; welcher von beiden wäre dann aus welcher Sicht der Held, welcher der Schurke? Mit Leichtigkeit malt sich die Fantasie hier ein Schreckensszenario aus, wo wildgewordene Übermenschen in patriotischen Kostümen auf verbranntem, atomisiertem Wasteland ihre schrecklichen Kämpfe austragen.

Der bereits erwähnte Grant Morrison dreht das Reale Superhelden-Thema auf geschickte Weise um, in dem er sich mittels diverser “magischer” Techniken selbst in deren 2D-Welt hineinbegibt. Seine Annahme eines solchen, mit der Realität koexistierenden Universums zwischen Buchdeckeln gründet auf der originellen Folgerung, dass die Arbeit der unzähligen Comiczeichner und Autoren plus die rege Teilnahme der Fans in den vielen Jahrzehnten nach Siegel und Shusters erstem Superman-Comicstrip in den 1930er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts so etwas wie ein rudimentäres Bewusstsein in jener Welt enstehen habe lassen; dazu würden natürlich auch die einmal aufgestellten und mehr oder minder sklavisch befolgten Regeln der Kontinuität und die viele Energie beitragen, welche tagtäglich in jenes Comic-Universum quasi injiziert würden.

Damit ist Morrison im Einklang mit den Bemühungen Hollywoods, uns mittels diverser Kinofilme und Serien die reale Existenz paralleler Universen näherzubringen. Es ist sowieso spannend, mitzuverfolgen, wie sensibel eine riesige Kinoindustrie auf eigentlich von der Allgemeinheit verlachte, “esoterische” Themen reagiert; man denke nur an die entsprechenden Streifen zum Thema Apokalypse 2012 oder die in jüngster Zeit sich rasant vermehrenden Erzeugnisse, welche die Ankunft Ausserirdischer auf der Erde zum Gegenstand haben.

James Kakalios

Auch an Superhelden-Filmen herrscht dieses und nächstes Jahr wahrhaft kein Mangel. Das Thema interessiert aber abseits von Hollywood mit seinen irrwitzig teuren Blockbustern inzwischen auch die Mainstream-Medien immer mehr, gerne wird zum Beispiel anhand des Buches “Physik der Superhelden” des amerikanischen Professors James Kakalios darüber spekuliert, wie gut denn solche Superkräfte in unserer materiellen Welt funktionieren könnten.

Der Verschwörungstheoretiker in mir fragt sich also: worauf sollen wir hier mittels medialer Infiltration vorbereitet werden? Wer Jon Ronson’s grandioses Buch “Männer die auf Ziegen starren” gelesen oder dessen (leider eher untergegangene) Verfilmung gesehen hat, weiss, dass das US-Militär seit vielen Jahrzehnten versucht hat, mit mehr oder weniger grossem Erfolg einen Supersoldaten zu erschaffen, dessen Fähigkeiten denen von Superman und Co. nicht unähnlich sind; wer Lust daran hat, sich in den Theorien zu vergraben, was die CIA und die russischen Geheimdienste bisher zu dieser Thematik geleistet haben, kann sich gerne durch die zwei PSI-Superhelden und Paraspione-Artikel auf meinem Obskuristan-Blog hier und hier wühlen.

Ob es nun also im Geheimen bereits Superhelden gibt, kann man an dieser Stelle natürlich nur unbeantwortet lassen. Soviel ist zumindest sicher: Neben Jugendlichen und uns Comicnerds gehören natürlich auch die Militärs aller Welt zu den eifrigen Lesern einschlägiger Literatur. Und es gibt eine wachsende Anzahl “normaler” Menschen, die sich Superhelden-Kostüme anziehen und mit eher durchwachsenem Erfolg versuchen, auf den Strassen ihres Viertels für “Recht und Ordnung” zu sorgen. Ein ausgezeichnetes Porträt dieser Leute bietet die Superheroes-Dokumentation des US-Senders HBO.

***

Das brauchst du:

Grant Morrison: Supergods: What Masked Vigilantes, Miraculous Mutants and A Sun God From Smallville Can Teach Us About Beeing Human

Jon Ronson: Männer die auf Ziegen starren: Die US-Armee, absurde Experimente und der Krieg gegen den Terror

Garth Ennis: The Boys

James Kakalios: Physik der Superhelden

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