Die kosmische Saat.

Hintergrundmusik: Zu einem Artikel über kosmische Comics gehört kosmische Musik: Steve Hillage mit einem Ausschnitt aus Four Ever Rainbow.


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In den 1970er-Jahren, kaum nachdem die ersten Samen, die Woodstock gesät hatte, aufgegangen waren und noch bevor die 1980er mit ihrem quietschbunten Plastikgesicht und dem brutalen, kapitalistischen Innenleben alle Blumenbeete wieder niedertrampelten, hatte der Comicriese Marvel Zeit zu träumen.

Das waren äusserst kosmische Träume. Initiiert wurden sie von jungen, langhaarigen Männern, die zwar als die üblichen Fanboys mit den Comics der damaligen Zeit aufgewachsen waren, ebenso aber mit den Schrecken des Vietnamkrieges, der Ermordung politischer Leitfiguren und den revolutionären Ideen von Jack Kerouac, Allen Ginsberg, Timothy Leary und Carlos Castaneda. Diese damals bei Marvel beschäftigten Apologeten des Hippie-Zeitalters sorgten – zumindest für kurze Zeit – für einen fundamentalen Paradigmenwechsel in der im Silver Age etwas schrullig gewordenen Welt der Superhelden (ähnliches passierte zugleich in Hollywood, nachzulesen in dem mehr als empfehlenswerten Buch Easy Riders, Raging Bulls).

Spannende Freundschaft: Frank Zappa und Jack Kirby

Vorbereitet wurde das Age of Aquarius im Marvel-Style allerdings von einem, der seit der Steinzeit der Superhelden-Comics mit dabei war: Jack Kirby, manischer Zeichner, aufgewachsen in den 1920er-Jahren in einem der härtesten, multi-ethnischen Viertel New Yorks, bekannt geworden im Team mit Joe Simon als Erfinder von Captain America, und mit Stan Lee zusammen Schöpfer eines neuen, unheimlich erfrischenden Zugangs zu den fad gewordenen Abenteuern von Comichelden mit der Hypersoap Fantastic Four.

Kirby, der bis in die 1970er wie eine Maschine gezeichnet hatte, war mit seiner Entlohnung und den ihm vorenthaltenen Copyrights seiner Kreationen zunehmend unzufrieden geworden und war zum Rivalen DC Comics gewechselt. Dort verwirklichte er mit dem Fourth World-Zyklus und den New Gods seine bis dato zurückgehaltenen galaktischen Ideen und schuf so die Grundlage und Inspiration für die Kosmogonie, welche von den jüngeren Zeichnern und Autoren bald darauf bei Marvel aufgegriffen wurde.

Um das Thema noch ein wenig zu verdeutlichen: Science Fiction waren Superhelden-Comics ja sowieso von Anfang an, und mit Superman besass die Comicwelt ja auch einen galaktischen Superhelden, der allerdings bis dato immer hinter seinen eigentlichen Möglichkeiten zurückgeblieben war. Mit der Geburt der Fourth World wurde nun der Grundstein für megalomanischen, ausgeflippten Space-Wahnsinn im Comic-Format gelegt. Lass mich das mit der Musik der damaligen Zeit vergleichen: Kosmische Comics sind das Äquivalent zu den wahnwitzigen Visionen des kultigen Space Rock von Hawkwind oder der alle Formate sprengenden, hyperdimensionalen Songs von Yes.

Ein weiterer wichtiger Protagonist erschien auf der Bildfläche: Der in Missouri geborene Roy Thomas hatte in den 1960er-Jahren zusammen mit Jerry Bails ein Superhelden-Fanzine namens Alter Ego herausgegeben und war dann nach New York gezogen, um als Autor im Superhelden-Genre seinen grössten Fanboy-Traum zu verwirklichen. Nach einer kurzen, eher unappetittlichen Episode als Assistent des DC-Editors Mort Weisinger heuerte Thomas bei Marvel an und begann mit Stories für Doctor Strange und die Avengers seinen kosmischen Pfad zu ziehen.

Roy Thomas auf einer Convention 2010

Der sensible Thomas brachte einen neuen, hochpoetischen Stil in die bis dahin eher krude Welt der Actioncomics und veredelte unzählige Serien wie Nick Fury, Ghost Rider, Man-Thing, oder die X-Men. Seine wichtigste Schöpfung für das kosmische Genre war die Neuinterpretation von Him, später bekannt als Adam Warlock, der zum ersten Mal in den Fantastic Four-Heften von Kirby und Lee augetaucht war.

Thomas, damals laut späteren Aussagen ein hingebungsvoller Fan des Musicals Jesus Christ Superstar, schuf mit dieser Figur eine neuartige Mischung aus Magier und bekifftem Jesus-Klon, und stattete Warlock mit einer mysteriösen Macht aus, die weit über das hinausging, was Helden wie Superman bewirken konnten. Zur damaligen Zeit kämpfte Adam Warlock allerdings hauptsächlich um das Überleben einer speziell für ihn entwickelten Gegen-Erde, die von einem Super-Monster namens Man-Beast bedroht wurde.

Jim Starlin, Meister der kosmischen Comics

Kurz darauf betrat Jim Starlin die Comic-Bühne, und dieser Zeichner und Autor in Personalunion bescherte den Fans letztendlich die megalomanischsten kosmischen Abenteuer von allen. Starlin verdiente sich seine Sporen bei Spiderman und Iron Man, bevor er Gelegenheit bekam, mit den Abenteuern der bisher nur wegen diverser Rechte eingeführten Figur Captain Marvel (nicht zu verwechseln mit dem in “Shazam” unbenannten Fawcett Comics- und DC-Superhelden gleichen Namens) erste Meriten für die spätere kosmische Meisterschaft zu sammeln. Das Werk von Jim Starlin hier in aller Kürze zu beschreiben, ist fast unmöglich, denn mit ihm hielten auch äußerst komplexe Storylines Einzug, deren ganze Tragweite man meist nur verstehen kann, wenn man ihre verschlungenen Wege duch Myriaden von verschiedenen Heftausgaben und diversen Serien kennt.

Starlin erbaute sein eigenes, fast unendliches Universum auf den Fundamenten des Roy Thomas – Meisterwerks The Kree-Skrull War, der Fourth World von Kirby (dessen monumentalen Bösewicht Darkseid er durch Thanos ersetzte), durch das Umfeld des von ihm getöteten Captain Marvel und der Geschichte des Silver Surfer und Doctor Strange. Die zentrale Persönlichkeit Adam Warlock übernahm Starlin direkt von Thomas und stattete den Reservechristus mit einer heftigen Psychose und einer abgespaltenen Persönlichkeit aus. Die reiste in der Zeit voraus, nannte sich “Magus” und tat ausschließlich sehr böse Dinge, die wiederum vom guten Persönlichkeitsanteil bekämpft werden musste.

Die Serie wurde bald darauf eingestellt und ihre Hauptfigur noch rechtzeitig von Starlin höchstpersönlich unter die Erde gebracht. Aber eine so mächtige Persönlichkeit, ein so kosmischer Avatar lässt sich nicht so einfach terminieren und so verzog sich Meister Warlock in eine schummrige Ecke der astralen Sphäre und lauerte auf eine weitere Möglichkeit zu grossen Taten. In den 1990er-Jahren bekam Starlin zum Glück noch einmal eine Chance, seine kosmischen Fantasien an die Öffentlichkeit zu bringen, denn mit der Miniserie The Infinity Gauntlet lieferte er nichts weniger als DAS zeitlose Meisterwerk des kosmischen Wahnsinns im Comicformat ab. Hier wurde das vollbracht, was die Crisis on Infinite Earths von DC versprochen und nicht gehalten hatte – eine erschütternde Krise, die das gesamte Universum an den Rand des Abgrunds brachte und das zähe Ringen fast aller Superhelden des Marvel-Kosmos um eine mögliche Rettung.

Damit nicht genug – Jim Starlin, von Grant Morrison in seinem Buch Supergods als “Acidhead” bezeichnet, ging mit seinen Geschichten weit über das hinaus, was man sich als geübter Comicleser bis dahin vorzustellen imstande war; seine Geschichte von kosmischer Macht und dem Ringen gigantischer galaktischer Kräfte sprengte alle bekannten Grenzen dermassen, dass sein Zeichner George Pérez der Legende nach kurz vor Schluss entnervt aufgab und für das letzte Heft durch Ron Lim ersetzt wurde.

Seelenvereinigung zwischen Dr. Strange und Adam Warlock (Anklicken für grössere Ansicht)

Wer glaubt, dass ultrakomplexe Storylines und verrückte, esoterische Einfälle am laufenden Band erst seit Moore, Gaiman, Morrison und Co. existieren, sollte sich wirklich mal an The Infinity Gauntlet versuchen. Der Handlungsstrang wechselt konsequent nach jeder Doppelseite und man sollte sich vor der Lektüre zumindest ein wenig mit Seelenverschmelzung, astralen Sphären und kosmischer Mythologie befasst haben. Superhelden, so stark sie auch sein mögen, spielen in dieser kosmischen Schlacht gegen Thanos mit seinem “Infinity Gauntlet” nur eine untergordnete Rolle – nämlich die von schnell hingemetzelten Opfergaben, die bloß als das Vorspiel zu einer Auseinandersetzung unvorstellbaren Ausmasses fungieren.

Eternity vor dem "lebenden Tribunal" (Anklicken für grössere Ansicht)

Dann nämlich treten kosmische Entitäten ins Blickfeld, die so groß und für die menschliche Vorstellung so unbegreiflich scheinen, dass sie teilweise nur mehr Repräsentationen abstrakter Prinzipien sind (Liebe & Hass oder Ewigkeit), oder schlicht als Celestials (Überirdische) bezeichnet werden. Weiters hat man es mit einem lebenden Tribunal zu tun, mit dem Tod als sinistrer, hübscher Frau (Hallo, Neil Gaiman), einem recht unbeschreiblichen Ding namens Epoch (eine Art fliegender, riesiger Fratze mit leeren Augenhöhlen) und anderen, vermutlich von Starlin halluzinierten Seltsamkeiten.

Kostbare Reliquie: Das Infinity Gauntlet auf der Comic-Con 2010

Adam Warlock schließlich war für The Infinity Gauntlet von einem Planeten aus der Astralsphäre wieder in die bekannte Realität übergewechselt und erwies sich als Weltenretter, dessen Motive bis zum Schluß uneinsichtig blieben; das hatte den Grund , dass sein böses Zweit-Ich Magus in der Fortsetzung Infinity War eine Rolle spielen sollte; 2002 gab es dann auch noch ein wenig beachtetes, abschließendes Sequel namens Infinity Abyss.

Zur Zeit des Infinity Gauntlet war die kosmische Welle bei Marvel Comics allerdings schon längst nur mehr eine bizarre Fußnote; heute werden solche galaktischen Storys nur mehr von einer eingeschworenen Hand voll Fans verehrt. Doch gerade in den “modernen” Comics von Grant Morrison wie Doom Patrol, The Invisibles oder der Final Crisis finden sich unübersehbare Spuren dieser wilden, entgrenzten Art der Comicliteratur – etwas vom Saatgut der wilden Hippies in ihrer kurzen Epoche bei Marvel hat also doch überlebt und wunderbare Früchte getragen.

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Einkaufsliste:

The Infinity Gauntlet.

The Infinity War.

Doom Patrol.

Final Crisis.

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6 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Hey,doc.

    Erstmal einen Schulterkopf für deinen Blog.Bildungsauftrag mal wieder erfüllt!Für mich tun sich da ja völlig neue welten auf…Ich hab meine kindheit hinterm eisernen vorhang verbracht.War also nix mit superhelden.(obwohl,ich recherchier mal.vielleicht find ich einen roten gegenspieler).
    Bis eben war ich noch fest der meinung,marvel und dc gehört den selben leuten..
    Aber da du ja quasi vom fach bist.Wie sieht das denn da mit dem copyright aus?Ich mein trademark is klar.Aber angenommen ich würde jetzt eine comicfigur erfinden.mit allem drum und dran.bis zum druck.marvel stil.
    Spontaneinfall:Mullahman.Der kämpft dann in den heften gegen cap america und seine evil-doer´s. Ok,ganz doof bin ich natürlich nicht,und hab deswegen die eigennamen mit schreibfehlern versehen.
    Was meinst du .Würden die mich damit durchkommen lassen? ;-)

    Docteur,alles gute und keep on

    p.s. Hiuuiui,nen kommunistischen superhelden zu finden,der auch nur annärend in der selben liga spielt,is nicht einfach.
    Putin zählt nicht,der kam nach 1990

  2. hello captain :-) es gibt ganz tolle superhelden hinter dem eisernen vorhang quasi, der grosse boris strugatzki hat sie in diesem buch porträtiert: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/619101/
    jeder gehört irgendwem (wusste ich auch lange nicht), dc gehört dem warner-konzern und marvel gehört disney (und ist seitdem unlesbar geworden). ja mit dem copyright muss man da extrem vorsichtig sein, die verklagen gerne alles und jeden!

    mullahman ist super :-D

    liebe grüsse
    von deinem docteurman

  3. Heute ist wieder mal einer dieser tage,wo alles von selber kommt.Find ich ja super:
    Streit um schöne Kurven:Coca-Cola hat den Rivalen Pepsi wegen seiner neuen Flaschen verklagt.Sie sähen den Coca-Cola-Flaschen mit der schlanken Taille zum Verwechseln ähnlich,argumentiert der Getränkehersteller.
    Das erste was ich gedacht hab war:Amis,na klar.Das is denen ihr großes ding.das duell justiceman-Der anwalt mit den superkräften :-)
    Ich hab inzwischen auch ne schöne übersicht gefunden: http://www.ddr-comics.de/comics.htm (ich hätte meine seele für ein Marvel-heft verkauft damals.Eindeutiger sieg der western heroes)
    Mir hat mal jemand erklärt,daß menschen zur idolbildung neigen.Jede gesellschaft,zu jeder zeit,erschafft sich seine idole.Und die sagen wiederum sehr viel über die gesellschaft aus,welche sie erschaffen hat.

    p.s. Du weißt bescheid docteurman.Ich verklag dich bis an dein lebensende,falls du das copyright an mullahman verletzt.meine super profit-sensoren registrieren alles.Mmuuhahahah

    trotzdem liebe grüße zurück
    von deinem captain kassandro

  4. keine chance gegen docteurman ;-) interessant, mal was über ddr-comics zu erfahren. ddr-sf hab ich ja gesammelt soweit es möglich war nach der wende (bevor alles aus der zeit zum kultobjekt erklärt und somit astronomisch teuer wurde) aber ddr-comics sind mir unbekannt. die hatten sicher so wie die sf-kollegen keinen sehr leichten stand denke ich mal! aber superhelden sucht man in der liste vergebens, schade, so eine sozialistische utopie hätte mir sicher gefallen…

  5. check doch mal http://deutschercomicblog.blogspot.com/ , da gibt´s sicherlich genug Nachschub für deinen Ipad-Klon, denn Rest musst du selbst rausfinden ;-) Aber das bleibt ein Geheimnis

  6. danke!! :-)


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