Seltsame Träume im Kalten Krieg.

Wenn man sich die Mühe macht und sich durch zerlesene, vergilbte Taschenausgaben der 1950er/60er-Science Fiction wühlt, wird man mit der Erkenntnis belohnt, wie seltsam die Werke dieser Romanschreiber doch manchmal sind; sie scheinen mir ein Spiegelbild der Zeit des Kalten Krieges zu sein, dessen ständige, eisige Bedrohung ohne Eskalation wohl viele Menschen auf der ganzen Welt halb wahnsinnig gemacht haben muss. Besonders trifft das auf die Amerikaner zu – das Klima in den USA zu der Zeit zwischen paranoider Kommunistenhatz und unmenschlicher Atombedrohung einerseits und bis ins absurde driftenden Eskapismen wie der Hawaii-Manie oder der sehr seltsame Blüten tragenden Lounge-Kultur andererseits kann man sich heute kaum vorstellen.

Die Werke, die amerikanische Science Fiction-Autoren damals schrieben, waren eigenartige Verherrlichungen der lauernden Bedrohung: technoider Wahn, die Darstellung postapokalyptischer Menschenwesen mit wahnhaften Geistesfähigkeiten, die unendlichen, kalten Weiten des Alls und möglicherweise irgendwo dort auf einem fernen Planeten ein ebenso geisterhaftes wie mit Technicolor überzeichnetes Paradies.

Alfred Elton van Vogt (1912 - 2000)

Ein typischer Autor dieser Geisteshaltung ist der 1912 in Winnipeg, Kanada geborene Alfred Elton van Vogt. Der grösste aller Science Fiction-Helden, Philip K. Dick, hat ihn als einen seiner wichtigsten Einflüsse bezeichnet (“I started reading sf when I was about twelve and I read all I could, so any author who was writing about that time, I read. But there’s no doubt who got me off originally and that was A.E. van Vogt”, PKD 1974 in einem Interview); die Spuren Van Vogts sind in Dick’schen Frühwerken wie “Solar Lottery”(“Hauptgewinn: die Erde”), “The World Jones Made” (“Die seltsame Welt des Mr. Jones”), vor allem aber in “Our Friends from Frolix 8” (dt. “Die Mehrbegabten”) auszumachen.

Phillip K. Dick (re) und Ridley Scott am Set der Dreharbeiten zu "Blade Runner"

Van Vogt liess sich in den 1940er-Jahren in Hollywood nieder und wurde 1952 amerikanischer Staatsbüger. Zu dieser Zeit nahm er in den Kreisen der US-Science Fiction-Fans schon eine wichtige Rolle ein, durch seine Kurzgeschichten (die Episode “Ungeheuer an Bord” aus dem Roman “Die Expedition der Space Beagle” sollte Jahrzehnte später als Grundlage für Ridley Scott’s Blockbuster Alien dienen) und utopische Werke wie “Slan”. In diesem Debütroman geht es bereits um eines der wichtigsten Themen Van Vogts – der Kampf eines Einzelgängers mit mächtigen parapsychischen Fähigkeiten gegen eine unverständige Umwelt, die diese Aberration ausmerzen möchte.

Auch Tomaten müssen die Wahrheit sagen: L. Ron Hubbard und sein "E-Meter".

“Slan” inspirierte übrigens auch einen eher untalentierten SF-Schriftstellerkollegen namens L. Ron Hubbard dazu, gewisse Inhalte des Werks zu einer der Grundlagen seiner unheilvollen Dianetics-Bewegung zu machen. Van Vogt war geschmeichelt und begeisterte sich für Hubbards Ideen. Er eröffnete sogar für kurze Zeit ein eigenes Dianetics-Center in Kalifornien; als sich die Dianetics-Lehre zur Scientology-Bewegung umzuformieren begann, hatte er allerdings bald genug davon und ging auf Distanz. Nach einer mehrjährigen Schreibblockade kehrte er wieder zur Science Fiction zurück, sein Spätwerk kam aber nicht mehr an die Kreativität seiner frühen und mittleren Schaffensphase heran. In den 1990er-Jahren erkrankte Van Vogt an Alzheimer und starb im Jänner 2000 in Hollywood.

Die wesentlichen Ideen des Van Vogt’schen Schaffens kreisen immer wieder um totalitäre Staatssysteme, um die Monarchie als ideale Staatsform und um die Menschheit nach dem Atomkrieg, wobei Vogt den Schrecken der Atombombe oftmals in eine absurd wirkende Katharsis umkehrt, die in den Überlebenden Kräfte weckt, welche sie zu gefürchteten Supermenschen macht. Sein wichtigstes Opus ist die Null-A-Trilogie, die aus einem starken Interesse des Autors für Alfred Korzybski’s “Allgemeine Semantik” hervorgegangen ist; “Null-A” als Synonym für “nonaristotelische Logik bezieht sich auf die Fähigkeit der Nutzung intuitiven, eigenständigen Verstehens im Gegensatz zur Anwendung angelernter deduktiver Logik” (*) Die Null-A-Bücher sind dermassen komplex, dass sie in diesem Blog einmal in einem eigenen Artikel besprochen werden sollten – als literarisches Beispiel für die Gesinnung Van Vogts soll hier ein recht kurzer Roman dienen, eigentlich eher eine aneinandergefügte Sammlung von Kurzgeschichten namens “The Mixed Men” (dt. “Das Imperium der 50 Sonnen”) aus dem Jahr 1952. Ich beziehe mich hier auf die deutsche Ausgabe aus dem Jahr 1982 im Bastei Lübbe-Verlag (übrigens, als bizarre Fußnote, übersetzt von einem Herrn namens Ralph Tegtmeier – Eingeweihte wissen, wer das ist).

Im Rahmen einer recht hübsch zu lesenden Raumfahrts-Eroberungs-Geschichte (Gigantischer Schlachtkreuzer von der Erde auf Erkundungsflug in der Magellanschen Wolke entdeckt durch Zufall eine vor 15.000 Jahren vom Heimatplaneten verbannte Spezies von Übermenschen und versucht diese zuerst mit fruchtloser Überredungskunst und später mit kriegerischen Mitteln in die Oberhoheit der Erdmacht zurückzuzwingen) offenbaren sich Van Vogts gigantomanische Träume eines Züchtungsexperiments, das in abertausend Zeitaltern überdimensionale Formen angenommen hat. Ein gewisser Joseph M. Dell hat in Urzeiten auf der Erde einen Materietransmitter konstruiert, der an den Menschen, die ihn benutzen, drastische Veränderungen bewirkt. Diese zeigen sich in einer “edlen Physis”, unglaublichen körperlichen Kräften und einem überragendem Willen. Der Rest der Menschheit entwickelt Mißtrauen gegen diese heranwachsende Supermenschenrasse, beschimpft sie als Robots und nachdem die Gewalt eskaliert, werden die armen Übermenschen letztendlich dazu gezwungen, von der Erde zu verschwinden und sich ein eigenes Sternensystem als Heimat zu suchen, welches sie dann im Endeffekt auf verschiedenen Planeten im Reich der fünfzig Sonnen in der Großen Magellanschen Wolke finden.

Die Grosse Magellansche Wolke (Röntgenfotografie vom Max Planck-Institut)

Die Neuankömmlinge bezeichnen sich fortan als “Dellier” – im Gegensatz zu den mitgereisten menschlichen Sympathisanten ohne Superfähigkeiten, die fortan als “Non-Dellier” bezeichnet werden. Diese sind für das Überleben der Dellier enorm wichtig, da jene durch den Wuchs ihrer übermenschlichen Kräfte kaum mehr kreative Fähigkeiten besitzen; folglich sind Dellier besser als militärische Führungskräfte geeignet, die Non-Dellier besser als Wissenschaftler, Ingenieure und Politiker. Nachwuchs zu zeugen, ist zwischen beiden Fraktionen auf biologischem Wege nicht möglich, es gibt aber mit einem von Van Vogt nicht näher ausgeführten Verfahren des “Kalten Drucks” die Option auf Nachkommenschaft. Diese Kinder werden, wie man feststellt, wiederum zu einer neuen Superspezies – man nennt sie die “Koppelmenschen”, da sie alle Eigenschaften von Delliern und Non-Delliern in sich vereinen und ausserdem zwei Gehirne besitzen. Die Vorkommnisse der Erde wiederholen sich: Von ihren Eltern gefürchtet, müssen die Koppelmenschen sich in unterirdischen Städten verstecken.

Mein Exemplar ist schon etwas verwittert...

Ich habe mir beim Lesen von “Das Reich der 50 Sonnen” öfters vorgestellt, welche Reaktionen von Kritikern und Käufern dieses Buch bekommen würde, wenn es in der heutigen Zeit erscheinen würde – man würde sich vermutlich fragen, ob der Autor unter Drogen stand oder irrwitze Träume niedergeschrieben hätte. Und in der Tat, Van Vogt hat genau das getan: “He said many of his ideas came from dreams; throughout his writing life he arranged to be awakened every 90 minutes during his sleep period so he could write down his dreams.” (**)  - Seltsame Träume in der Epoche des Kalten Krieges.

*) Quelle: Wikipedia

**) Charles Platt: Interview with Van Vogt

***

Uwe Anton: “A. E. van Vogt, Der Autor mit dem dritten Auge” gibt es hier zu bestellen.

Sämtliche deutschen Taschenbuchausgaben von Van Vogt sind seit vielen Jahren vergriffen.

Antiquarisch fündig wird man hier.

Published in: on Dezember 18, 2011 at 12:58 nachmittags  Kommentare (2)  
Tags: , , , , , ,

Sun Koh, ein altertümlicher Held.

Wenn man sich auf Spurensuche macht, welche Vorbilder denn die Perry Rhodan-Macher so in ihrer Jugend hatten, welche Science Fiction-Bücher die gerne lasen, dann stösst man relativ bald auf Paul Alfred Müller (alias Freder van Holk alias Lok Myler), den wahren “Paten” der Groschenheftliteratur im Deutschland der 1930er-Jahre.

Paul Alfred Müller (1901 - 1970)

Müller hat im Laufe seines Lebens mehrere hundert Romane verfasst, in allen Genres, von Krimi bis Western, natürlich mit jeweils wechselnden Pseudonymen. Das Genre, in dem er als Meister galt, und dass er zusammen mit Hans Dominik damals prägte, war allerdings die utopische Literatur (der Begriff Science Fiction bürgerte sich erst viel später ein), damals wurde das auch allgemein “Zukunftsroman” genannt.

Seine grösste Leistung war die Erfindung der Figur SUN KOH; ein Prinz des versunkenen Atlantis, dessen Aufgabe es in 150 Abenteuern war, das Wiederauftauchen des sagenhaften Kontinents vorzubereiten. Eine schwierige Aufgabe, naturgemäss, denn sinistre Feinde trachteten ihm nach dem Leben, versuchten wertvolle Artefakte zu stehlen und strebten überhaupt nach der Weltherrschaft.

Der Verwandte aus Amerika: Doc Savage

Man kann spekulieren, dass SUN KOH eine deutsche Version des in Amerika damals sehr populären DOC SAVAGE, dem “Mann aus Bronze” war, die Ähnlichkeiten beider Supermänner sind unübersehbar – auch SUN KOH ist wie Savage von äusserst beeindruckender physischer Erscheinung, unglaublich intelligent (spricht sämtliche Sprachen, die es gibt), ein Meister der Kampfkünste (im ersten SUN KOH-Heft gab es deswegen auch einen Jiu-Jitsu-Kurs zum Selberlernen) und natürlich fähig, mit den kompliziertesten technischen Gerätschaften wie selbstverständlich umzugehen.

Die legendäre Erstausgabe...

Überhaupt: Die technische Komponente gefällt mir an den SUN KOH-Romanen am besten: Da befindet man sich nämlich in einem Universum, welches vor Bubenträumen aus früherer Zeit nur so überquillt. Da existieren Hypnose- und Todesstrahlen aller Art, Tarnkappen, Gedankensender, Energiestrahler und Raketen (beeinflußt durch die Erkenntnisse des damals sehr populären Hermann Oberth) und Müller verbindet all das ausserdem mit den damals populären, mystischen Theorien – Atlantis, das voller Geheimnisse steckende Tibet, der rätselhafte Orient…

Und nicht zu vergessen: Die Hohlwelttheorie! Müller war dermassen überzeugt, dass die Menschheit in Wirklichkeit auf der Innenseite der Erde lebt, dass er in den 1960er-Jahren ein Angebot ausschlug, bei einer brandneuen Serie namens Perry Rhodan mitzuschreiben; dass man mit Raumschiffen das Universum ergründen könne, war für den Autor ein absolutes Ding der Unmöglichkeit, deswegen spielen seine Romane logischerweise auch immer auf der Erde.

Fasziniert und abgestossen vom "Fremden": H. P. Lovecraft (1890 - 1937)

Müller geriet ins Getriebe der damals gerade die Macht übernehmenden Nationalsozialisten; in den späteren 1930er-Jahren musste er seine Romane an deren Gedankengut anpassen, auch wurden seine Texte von den entsprechenden Kontrollstellen zensiert und abgeändert; wahr ist aber auch, dass davon abgesehen in seinen Werken diese typische Mischung aus Faszination und Abscheu vorherrscht, wenn er z.b. fremde Länder oder Städte beschreibt (und darin fatal an den ebenso fremdenfeindlichen H. P. Lovecraft erinnert) – hier ein Auschnitt aus “Die Krone der Khmer”: “Saigon. Dort, wo der Mekong seine schlammigen Fluten durch die unendlichen Sümpfe der Niederungen hindurchwälzt, liegt die Stadt. Sie versinkt nicht im Sumpf, aber sie atmet noch die giftigen Fieberdünste des Cochinchina. Die Europäer, die ein bewegtes Schicksal dorthin verbannte, wußten zu erzählen, wie viele von ihnen in diesem Klima krank wurden. [...] Alles in dieser Stadt wirkte von Anfang an fremdartig, traurig und sogar feindlich. Der Körper schien plötzlich weich und schlaff zu werden, die Ausdünstungen der Bäume und Blumen schienen zu betäuben. Fremdartig wirkten die gelben Gesichter der Annamiten und halbnackten Chinesen, unter deren patschenden Füssen der rötliche Kot aufspritzte. Seltsam stachen die Katzenaugen der gelben Frauen, die zwischen den Schlitzen der Lider hervorblinkten, gespenstisch fahl leuchteten die bleichen Gesichter der wenigen Weißen. [...] Zwischen melancholischen Ebenen mit unendlichen, eintönigen Reisfeldern und zahlreichen, rötlichen Chinesengräbern lag die Stadt wie eine giftige, blasse Orchidee, deren schwermütiger, feuchtheisser Duft den nordischen Menschen erschlafft und langsam tötet.” (Freder Van Holk, “Die Krone der Khmer”, Neuausgabe Pabel 1978)

Die vielgescholtene Pabel-Ausgabe aus den späten 1970er-Jahren.

Den erwähnten Roman gibt es übrigens in dieser Form in der Originalausgabe der SUN KOH-Hefte gar nicht, denn Müllers Schicksal war es, dass seine Originaltexte mehrmals verstümmelt wurden, zuerst von den Nazis, in weiteren Ausgaben nach dem Krieg wurden dann wiederum alle offensichtlich nazistischen Spuren aus seinem Werk getilgt. Die Pabel-Taschenbuch-Auflage von 1978 in 37 Bänden (die auch bis dato meine einzige Möglichkeit war, SUN KOH zu lesen) ist überhaupt mehr als freie Interpretation von SUN KOH zu sehen; hier wurden mehrere Heftausgaben zusammengefasst, gekürzt, Gerüchten zufolge sogar mit Teilen von Müllers zweiter, eher erfolgloser Romanserie JAN MAYEN (der statt nach Atlantis nach Thule sucht) vermischt.

Startgebot 1199€: SUN KOH Nachkriegsausgabe auf Ebay.

Natürlich hätte ich auch gerne das Originalwerk Müllers gelesen, die astronomischen Preise der alten Hefte verbieten das aber von selbst. Zumindest die ersten vier Originalausgaben von SUN KOH wurden vom Schweizer SSI-Verlag in einer grandiosen Liebhaber-Edition neu aufgelegt, sodass man auch als wenig betuchter Sammler die Möglichkeit hat, SUN KOH im leistbaren Original lesen zu können. Allerdings hatte SSI bereits 2006 angekündigt, dass nicht nur dieser, sondern insgesamt 31 Bände mit dem gesamten Werk in Originalform erscheinen würden. Bis heute ist ausser dem angesprochenen ersten Band leider nichts mehr nachgekommen; es steht zu befürchten, dass dieses schöne Ansinnen finanziell wohl nicht zu realisieren war.

Unvollständig, am Zerfallen und trotzdem heissgeliebt: Die SUN KOH-Sammlung eures Docteurs.

Da SUN KOH heutzutage wohl einfach nicht mehr zeitgemäss ist und das auch nie mehr werden wird, ist er vermutlich zu Recht in Vergessenheit geraten. Es bleiben die älteren Sammler, die es sich leisten können, Restbestände des Werks aufzukaufen und in ihren Safe zu packen. Und dann gibt es noch so Freaks wie euren Bloghost, der mit Wonne in diesen zerfallenden, vergilbten Taschenbüchern schmökert und seine Phantasie durch dieses altertümlich-utopische Universum wandern lässt.

***

Hier nochmal die Homepage des SSI-Verlags – tolle Infos und Produkte rund um Paul Alfred Müller und SUN KOH.

Ein wunderbarer Artikel zum Thema von Dr. Peter Soukup vom “Verein der Freunde der Volksliteratur” auf evolver.at, dem besten deutschsprachigen Webzine.

Dieter von Reeken verlegt in seinem Verlag die zweite Serie von Paul Alfred Müller, JAN MAYEN.

Published in: on Dezember 12, 2011 at 5:45 nachmittags  Kommentare (6)  
Tags: , , , , , ,

Im Perryversum.

Mit etwas Verspätung zollt Phantastick hier seinen längst überfälligen Tribut an den fünfzigsten Geburtstag der langlebigsten und unglaublichsten Science Fiction-Serie der Welt, Perry Rhodan. Das hat auch damit zu tun, dass euer Bloghost erst jetzt dazugekommen ist, Michael Nagulas großartige Biografie “Perry Rhodan – Die Chronik 1961 – 1974” zu lesen, der erste Teil von insgesamt vier geplanten Riesenschwarten, die sich auf sehr vergnügliche Weise mit der Geschichte des Perryversums auseinandersetzen und erzählen, wie es damals hinter den Kulissen des kultigen Heftromans so zuging.

Ein absolutes Muss für Perry Rhodan-Fans: Teil 1 und 2 (soeben erschienen) der "Perry Rhodan-Chronik" von Michael Nagula

Beim Lesen dieses Buchs kommen Gefühle auf: Ich falle ja ins Raster des typischen Perry Rhodan-Fans, auf vermutlich die einzige Art, wie man anno dazumal ein Die Hard-Fanatiker dieses trotz aller verlaglichen Bemühungen um Öffnung heute doch unglaublich hermetischen Riesenmonsters einer Future History werden konnte: Man musste vor der Pubertät, also am besten in einem Alter, in dem man nicht mehr Lego spielte, sich aber schon unbewusst einen weitergehenden Weltenbau der Fantasie wünschte, sein Initialerlebnis haben.

Typischer PR-Kugelraumer aus Lego (Foto von Lego Gemeinschaft Österreich)

In meinem Fall war das 1981, so im Alter von 13, 14 Jahren; mit Mädels/Fortgehen war da noch garnix, Fernsehen gab es nur SW und durch elterliche Strenge noch dazu extrem begrenzt. Da kam einmal mein damals bester Freund A. zu Besuch und hatte in einer Plastiktüte ein dickes, silbern glänzendes Buch mit einem Hologramm am Cover, also eine geriffelte Plastikscheibe, auf der man in 3-D-Darstellung einen Mann im Raumanzug und ausserdem ein Raumschiff in einer bizarren Wüstenlandschaft sehen konnte.

Die Initialzündung.

Dafür, dass mir A. das Buch damals gleich geborgt hat, werde ich ihm ewig dankbar sein. Denn als ich, nach seinem Besuch, im Bett liegend zu lesen begann, da traf mich eine Illumination, wie das im Leben eines Menschen vielleicht nur ein- oder zweimal passiert. Da zog es mich schnurstracks hinein in ein utopisches Universum voller technischer Wunder samt Menschen mit aussergewöhnlichen Fähigkeiten, und ausserdem: es war noch dazu so dermassen spannend, dass ich für längere Zeit die ganze Umwelt um mich herum vollkommen vergass. Heute kommt es mir so vor, als hätten damals meine Synapsen mit Hilfe dieses Werkzeugs auf Science Fiction umgeschaltet, ein Themenbereich, der mich wohl bis zu meinem Lebensende nie mehr verlassen wird. Wenn ich auch längere Zeit mal an anderen Dingen interessiert bin – im Endeffekt komme ich immer wieder zu meinen bunten Träumen von kugelförmigen Raumschiffen, Marterietransmittern, galaktisch-exotischen Völkern, Zeitsprüngen und Paralleluniversen zurück.

Die Pioniere: Scheer, Ernsting, Voltz, Mahr - leider alle schon verstorben.

Was die frühen, pionierhaften Perry Rhodan-Autoren Karl-Herbert Scheer, Walter Ernsting alias Clark Darlton, William Voltz und Kurt Mahr da in den 1960er-Jahren schufen, hat sich zu einem so riesigen und bis heute stimmigen(!) Multiversum ausgewachsen, dass deren Anstrengungen und Visionen im Verbund mit der glühenden Verehrung der Fans Realitäten erschufen, die jenseits von Raum und Zeit existieren, da bin ich mir ziemlich sicher. Da ist irgendwo ein sehnsüchtig machendes PR-Multiversum; ich stelle mir seit vielen Jahren vor, irgendwo in meiner Wohnung (vielleicht im Keller) einen Transmitter stehen zu haben, der es mir ermöglicht, mich Hyperraum-mäßig abzustrahlen und mich im Perryversum zu re-materialisieren (das Star Trek-affine Beamen hat mich übrigens niemals dermassen fasziniert). So kann ich, zumindest in meiner Fantasie, wenn der Schlaf wieder mal nicht kommen will, mich in Muße meiner Zweitexistenz in Terrania City, der zentralen Metropole des Riesenreiches, widmen; ich habe dort auch eine Wohnung im 200. oder 300. Stock einer riesigen Arkologie, welche im Laufe der Jahre von mir bereits genauestens eingerichtet und designt wurde.

Beliebt seit es Perry Rhodan gibt: Der Fanstammtisch - in vorliegendem Foto 1998 in Wien (Foto von www.frostrubin.com)

Ich schäme mich auch mit meinem fortgeschrittenen Alter solcher Fanboy-artigen Fantasien nicht  – zum einen erfüllt es mich mit unglaublicher Freude, irgendwo unterwegs (im Zug von Graz nach Wien z.b.) in einem Waggon irgendeinen Menschen zu entdecken, der auf seinem Sitzplatz in ein Perry Rhodan-Heft, einen Silberband oder in einen dieser in den letzten Jahren erschienenen Riesenschmöker von Heyne vertieft ist; meine Schüchternheit gestattet mir zwar keine Kontaktaufnahme, im Geiste aber grüsse ich enthusiastisch einen Gleichgesinnten und stelle mir vor, wie auch der gerade in seinem ganz privaten, utopischen Perry Rhodan-Universum unterwegs ist; ein heilsamer Rückzug von der heutzutage oft so kalten, lieblosen Lebensrealität.

SF-Fandom in alten Zeiten: Der "SFCD Hannover"

Zum anderen weiss ich seit Nagulas Biographie, dass die Autoren, Redakteure und sonstigen Macher von Perry Rhodan höchstselbst ausnahmslos als Fanboys gestartet sind, ja dieses Fantum bis zum Ende ihres Lebens niemals verlieren oder verloren haben. Das ist immer die selbe Geschichte mit kleinen Variationen – in der Kindheit oder Jugend ein Science Fiction-Buch in die Hände bekommen, Perry Rhodan entdeckt und ein lebenslanger Verehrer geblieben, mit grenzenloser Hingabe und Treue. Ich finde, dass dies eben ein ganz besonderer Menschenschlag ist, der eine solche niemals endende Liebe zu einer Serie entwickeln und pflegen kann.

IHM einmal persönlich gegenüberstehen... (Zeichnung von Renato Casaro)

Wenn ich auch schon längst mit den immer fortlaufenden Heftzahlen und den neuen Erzeugnissen im Perryversum nicht mehr mithalten kann, weder finanziell noch zeitlich, wenn ich auch längst nicht alle Silberbände besitze und mit manchen neuen Tendenzen in der Serie nicht so ganz einverstanden bin (das aber akzeptiere, denn alles verändert sich, warum nicht auch Perry Rhodan?), so kehre ich doch immer wieder gerne in dieses gigantische Multiversum zurück; so habe ich kürzlich ein neues Schlafzimmer bezogen und nach einigen Tagen war mir sonnenklar, dass meine Perry Rhodan- Sammlung natürlich in einem Regal gegenüber meiner Bettstatt ihren angestammten Platz beziehen muss. Und wenn ich denn einmal sterbe, und es gibt vielleicht eine Existenz nach dem Tod meines physischen Körpers, die es mir möglich macht, eine Dimension meiner Wahl zu erkunden/bewohnen, dann möchte ich nach Terrania City, gar keine Frage. Und endlich mal dem unsterblichen, ersten aller Terraner gegenüber stehen zu dürfen, das wäre was.

Weit von Perfektion oder Vollständigkeit entfernt, aber seit meiner Jugend mit Liebe gepflegt: Meine kleine PR-Sammlung.

***

Das perfekte Weihnachtsgeschenk: Perry Rhodan – Die Chronik 1961 – 1974, klick auf den Titel für die Bestellung.

Gut für interessierte Neueinsteiger: Perry Rhodan Neo. Die Geschichte von vorne, im Stil der heutigen Zeit. (für Kindle, oder hier als Hörbuch.)

25.000 Artikel können nicht irren: Die Perrypedia.

Und hier die offizielle Perry Rhodan-Seite.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.