Wenn man sich die Mühe macht und sich durch zerlesene, vergilbte Taschenausgaben der 1950er/60er-Science Fiction wühlt, wird man mit der Erkenntnis belohnt, wie seltsam die Werke dieser Romanschreiber doch manchmal sind; sie scheinen mir ein Spiegelbild der Zeit des Kalten Krieges zu sein, dessen ständige, eisige Bedrohung ohne Eskalation wohl viele Menschen auf der ganzen Welt halb wahnsinnig gemacht haben muss. Besonders trifft das auf die Amerikaner zu – das Klima in den USA zu der Zeit zwischen paranoider Kommunistenhatz und unmenschlicher Atombedrohung einerseits und bis ins absurde driftenden Eskapismen wie der Hawaii-Manie oder der sehr seltsame Blüten tragenden Lounge-Kultur andererseits kann man sich heute kaum vorstellen.

Die Werke, die amerikanische Science Fiction-Autoren damals schrieben, waren eigenartige Verherrlichungen der lauernden Bedrohung: technoider Wahn, die Darstellung postapokalyptischer Menschenwesen mit wahnhaften Geistesfähigkeiten, die unendlichen, kalten Weiten des Alls und möglicherweise irgendwo dort auf einem fernen Planeten ein ebenso geisterhaftes wie mit Technicolor überzeichnetes Paradies.

Alfred Elton van Vogt (1912 - 2000)
Ein typischer Autor dieser Geisteshaltung ist der 1912 in Winnipeg, Kanada geborene Alfred Elton van Vogt. Der grösste aller Science Fiction-Helden, Philip K. Dick, hat ihn als einen seiner wichtigsten Einflüsse bezeichnet (“I started reading sf when I was about twelve and I read all I could, so any author who was writing about that time, I read. But there’s no doubt who got me off originally and that was A.E. van Vogt”, PKD 1974 in einem Interview); die Spuren Van Vogts sind in Dick’schen Frühwerken wie “Solar Lottery”(“Hauptgewinn: die Erde”), “The World Jones Made” (“Die seltsame Welt des Mr. Jones”), vor allem aber in “Our Friends from Frolix 8” (dt. “Die Mehrbegabten”) auszumachen.

Phillip K. Dick (re) und Ridley Scott am Set der Dreharbeiten zu "Blade Runner"
Van Vogt liess sich in den 1940er-Jahren in Hollywood nieder und wurde 1952 amerikanischer Staatsbüger. Zu dieser Zeit nahm er in den Kreisen der US-Science Fiction-Fans schon eine wichtige Rolle ein, durch seine Kurzgeschichten (die Episode “Ungeheuer an Bord” aus dem Roman “Die Expedition der Space Beagle” sollte Jahrzehnte später als Grundlage für Ridley Scott’s Blockbuster Alien dienen) und utopische Werke wie “Slan”. In diesem Debütroman geht es bereits um eines der wichtigsten Themen Van Vogts – der Kampf eines Einzelgängers mit mächtigen parapsychischen Fähigkeiten gegen eine unverständige Umwelt, die diese Aberration ausmerzen möchte.

Auch Tomaten müssen die Wahrheit sagen: L. Ron Hubbard und sein "E-Meter".
“Slan” inspirierte übrigens auch einen eher untalentierten SF-Schriftstellerkollegen namens L. Ron Hubbard dazu, gewisse Inhalte des Werks zu einer der Grundlagen seiner unheilvollen Dianetics-Bewegung zu machen. Van Vogt war geschmeichelt und begeisterte sich für Hubbards Ideen. Er eröffnete sogar für kurze Zeit ein eigenes Dianetics-Center in Kalifornien; als sich die Dianetics-Lehre zur Scientology-Bewegung umzuformieren begann, hatte er allerdings bald genug davon und ging auf Distanz. Nach einer mehrjährigen Schreibblockade kehrte er wieder zur Science Fiction zurück, sein Spätwerk kam aber nicht mehr an die Kreativität seiner frühen und mittleren Schaffensphase heran. In den 1990er-Jahren erkrankte Van Vogt an Alzheimer und starb im Jänner 2000 in Hollywood.

Die wesentlichen Ideen des Van Vogt’schen Schaffens kreisen immer wieder um totalitäre Staatssysteme, um die Monarchie als ideale Staatsform und um die Menschheit nach dem Atomkrieg, wobei Vogt den Schrecken der Atombombe oftmals in eine absurd wirkende Katharsis umkehrt, die in den Überlebenden Kräfte weckt, welche sie zu gefürchteten Supermenschen macht. Sein wichtigstes Opus ist die Null-A-Trilogie, die aus einem starken Interesse des Autors für Alfred Korzybski’s “Allgemeine Semantik” hervorgegangen ist; “Null-A” als Synonym für “nonaristotelische Logik bezieht sich auf die Fähigkeit der Nutzung intuitiven, eigenständigen Verstehens im Gegensatz zur Anwendung angelernter deduktiver Logik” (*) Die Null-A-Bücher sind dermassen komplex, dass sie in diesem Blog einmal in einem eigenen Artikel besprochen werden sollten – als literarisches Beispiel für die Gesinnung Van Vogts soll hier ein recht kurzer Roman dienen, eigentlich eher eine aneinandergefügte Sammlung von Kurzgeschichten namens “The Mixed Men” (dt. “Das Imperium der 50 Sonnen”) aus dem Jahr 1952. Ich beziehe mich hier auf die deutsche Ausgabe aus dem Jahr 1982 im Bastei Lübbe-Verlag (übrigens, als bizarre Fußnote, übersetzt von einem Herrn namens Ralph Tegtmeier – Eingeweihte wissen, wer das ist).

Im Rahmen einer recht hübsch zu lesenden Raumfahrts-Eroberungs-Geschichte (Gigantischer Schlachtkreuzer von der Erde auf Erkundungsflug in der Magellanschen Wolke entdeckt durch Zufall eine vor 15.000 Jahren vom Heimatplaneten verbannte Spezies von Übermenschen und versucht diese zuerst mit fruchtloser Überredungskunst und später mit kriegerischen Mitteln in die Oberhoheit der Erdmacht zurückzuzwingen) offenbaren sich Van Vogts gigantomanische Träume eines Züchtungsexperiments, das in abertausend Zeitaltern überdimensionale Formen angenommen hat. Ein gewisser Joseph M. Dell hat in Urzeiten auf der Erde einen Materietransmitter konstruiert, der an den Menschen, die ihn benutzen, drastische Veränderungen bewirkt. Diese zeigen sich in einer “edlen Physis”, unglaublichen körperlichen Kräften und einem überragendem Willen. Der Rest der Menschheit entwickelt Mißtrauen gegen diese heranwachsende Supermenschenrasse, beschimpft sie als Robots und nachdem die Gewalt eskaliert, werden die armen Übermenschen letztendlich dazu gezwungen, von der Erde zu verschwinden und sich ein eigenes Sternensystem als Heimat zu suchen, welches sie dann im Endeffekt auf verschiedenen Planeten im Reich der fünfzig Sonnen in der Großen Magellanschen Wolke finden.

Die Grosse Magellansche Wolke (Röntgenfotografie vom Max Planck-Institut)
Die Neuankömmlinge bezeichnen sich fortan als “Dellier” – im Gegensatz zu den mitgereisten menschlichen Sympathisanten ohne Superfähigkeiten, die fortan als “Non-Dellier” bezeichnet werden. Diese sind für das Überleben der Dellier enorm wichtig, da jene durch den Wuchs ihrer übermenschlichen Kräfte kaum mehr kreative Fähigkeiten besitzen; folglich sind Dellier besser als militärische Führungskräfte geeignet, die Non-Dellier besser als Wissenschaftler, Ingenieure und Politiker. Nachwuchs zu zeugen, ist zwischen beiden Fraktionen auf biologischem Wege nicht möglich, es gibt aber mit einem von Van Vogt nicht näher ausgeführten Verfahren des “Kalten Drucks” die Option auf Nachkommenschaft. Diese Kinder werden, wie man feststellt, wiederum zu einer neuen Superspezies – man nennt sie die “Koppelmenschen”, da sie alle Eigenschaften von Delliern und Non-Delliern in sich vereinen und ausserdem zwei Gehirne besitzen. Die Vorkommnisse der Erde wiederholen sich: Von ihren Eltern gefürchtet, müssen die Koppelmenschen sich in unterirdischen Städten verstecken.

Mein Exemplar ist schon etwas verwittert...
Ich habe mir beim Lesen von “Das Reich der 50 Sonnen” öfters vorgestellt, welche Reaktionen von Kritikern und Käufern dieses Buch bekommen würde, wenn es in der heutigen Zeit erscheinen würde – man würde sich vermutlich fragen, ob der Autor unter Drogen stand oder irrwitze Träume niedergeschrieben hätte. Und in der Tat, Van Vogt hat genau das getan: “He said many of his ideas came from dreams; throughout his writing life he arranged to be awakened every 90 minutes during his sleep period so he could write down his dreams.” (**) - Seltsame Träume in der Epoche des Kalten Krieges.
*) Quelle: Wikipedia
**) Charles Platt: Interview with Van Vogt
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