Im Perryversum.

Mit etwas Verspätung zollt Phantastick hier seinen längst überfälligen Tribut an den fünfzigsten Geburtstag der langlebigsten und unglaublichsten Science Fiction-Serie der Welt, Perry Rhodan. Das hat auch damit zu tun, dass euer Bloghost erst jetzt dazugekommen ist, Michael Nagulas großartige Biografie “Perry Rhodan – Die Chronik 1961 – 1974” zu lesen, der erste Teil von insgesamt vier geplanten Riesenschwarten, die sich auf sehr vergnügliche Weise mit der Geschichte des Perryversums auseinandersetzen und erzählen, wie es damals hinter den Kulissen des kultigen Heftromans so zuging.

Ein absolutes Muss für Perry Rhodan-Fans: Teil 1 und 2 (soeben erschienen) der "Perry Rhodan-Chronik" von Michael Nagula

Beim Lesen dieses Buchs kommen Gefühle auf: Ich falle ja ins Raster des typischen Perry Rhodan-Fans, auf vermutlich die einzige Art, wie man anno dazumal ein Die Hard-Fanatiker dieses trotz aller verlaglichen Bemühungen um Öffnung heute doch unglaublich hermetischen Riesenmonsters einer Future History werden konnte: Man musste vor der Pubertät, also am besten in einem Alter, in dem man nicht mehr Lego spielte, sich aber schon unbewusst einen weitergehenden Weltenbau der Fantasie wünschte, sein Initialerlebnis haben.

Typischer PR-Kugelraumer aus Lego (Foto von Lego Gemeinschaft Österreich)

In meinem Fall war das 1981, so im Alter von 13, 14 Jahren; mit Mädels/Fortgehen war da noch garnix, Fernsehen gab es nur SW und durch elterliche Strenge noch dazu extrem begrenzt. Da kam einmal mein damals bester Freund A. zu Besuch und hatte in einer Plastiktüte ein dickes, silbern glänzendes Buch mit einem Hologramm am Cover, also eine geriffelte Plastikscheibe, auf der man in 3-D-Darstellung einen Mann im Raumanzug und ausserdem ein Raumschiff in einer bizarren Wüstenlandschaft sehen konnte.

Die Initialzündung.

Dafür, dass mir A. das Buch damals gleich geborgt hat, werde ich ihm ewig dankbar sein. Denn als ich, nach seinem Besuch, im Bett liegend zu lesen begann, da traf mich eine Illumination, wie das im Leben eines Menschen vielleicht nur ein- oder zweimal passiert. Da zog es mich schnurstracks hinein in ein utopisches Universum voller technischer Wunder samt Menschen mit aussergewöhnlichen Fähigkeiten, und ausserdem: es war noch dazu so dermassen spannend, dass ich für längere Zeit die ganze Umwelt um mich herum vollkommen vergass. Heute kommt es mir so vor, als hätten damals meine Synapsen mit Hilfe dieses Werkzeugs auf Science Fiction umgeschaltet, ein Themenbereich, der mich wohl bis zu meinem Lebensende nie mehr verlassen wird. Wenn ich auch längere Zeit mal an anderen Dingen interessiert bin – im Endeffekt komme ich immer wieder zu meinen bunten Träumen von kugelförmigen Raumschiffen, Marterietransmittern, galaktisch-exotischen Völkern, Zeitsprüngen und Paralleluniversen zurück.

Die Pioniere: Scheer, Ernsting, Voltz, Mahr - leider alle schon verstorben.

Was die frühen, pionierhaften Perry Rhodan-Autoren Karl-Herbert Scheer, Walter Ernsting alias Clark Darlton, William Voltz und Kurt Mahr da in den 1960er-Jahren schufen, hat sich zu einem so riesigen und bis heute stimmigen(!) Multiversum ausgewachsen, dass deren Anstrengungen und Visionen im Verbund mit der glühenden Verehrung der Fans Realitäten erschufen, die jenseits von Raum und Zeit existieren, da bin ich mir ziemlich sicher. Da ist irgendwo ein sehnsüchtig machendes PR-Multiversum; ich stelle mir seit vielen Jahren vor, irgendwo in meiner Wohnung (vielleicht im Keller) einen Transmitter stehen zu haben, der es mir ermöglicht, mich Hyperraum-mäßig abzustrahlen und mich im Perryversum zu re-materialisieren (das Star Trek-affine Beamen hat mich übrigens niemals dermassen fasziniert). So kann ich, zumindest in meiner Fantasie, wenn der Schlaf wieder mal nicht kommen will, mich in Muße meiner Zweitexistenz in Terrania City, der zentralen Metropole des Riesenreiches, widmen; ich habe dort auch eine Wohnung im 200. oder 300. Stock einer riesigen Arkologie, welche im Laufe der Jahre von mir bereits genauestens eingerichtet und designt wurde.

Beliebt seit es Perry Rhodan gibt: Der Fanstammtisch - in vorliegendem Foto 1998 in Wien (Foto von www.frostrubin.com)

Ich schäme mich auch mit meinem fortgeschrittenen Alter solcher Fanboy-artigen Fantasien nicht  – zum einen erfüllt es mich mit unglaublicher Freude, irgendwo unterwegs (im Zug von Graz nach Wien z.b.) in einem Waggon irgendeinen Menschen zu entdecken, der auf seinem Sitzplatz in ein Perry Rhodan-Heft, einen Silberband oder in einen dieser in den letzten Jahren erschienenen Riesenschmöker von Heyne vertieft ist; meine Schüchternheit gestattet mir zwar keine Kontaktaufnahme, im Geiste aber grüsse ich enthusiastisch einen Gleichgesinnten und stelle mir vor, wie auch der gerade in seinem ganz privaten, utopischen Perry Rhodan-Universum unterwegs ist; ein heilsamer Rückzug von der heutzutage oft so kalten, lieblosen Lebensrealität.

SF-Fandom in alten Zeiten: Der "SFCD Hannover"

Zum anderen weiss ich seit Nagulas Biographie, dass die Autoren, Redakteure und sonstigen Macher von Perry Rhodan höchstselbst ausnahmslos als Fanboys gestartet sind, ja dieses Fantum bis zum Ende ihres Lebens niemals verlieren oder verloren haben. Das ist immer die selbe Geschichte mit kleinen Variationen – in der Kindheit oder Jugend ein Science Fiction-Buch in die Hände bekommen, Perry Rhodan entdeckt und ein lebenslanger Verehrer geblieben, mit grenzenloser Hingabe und Treue. Ich finde, dass dies eben ein ganz besonderer Menschenschlag ist, der eine solche niemals endende Liebe zu einer Serie entwickeln und pflegen kann.

IHM einmal persönlich gegenüberstehen... (Zeichnung von Renato Casaro)

Wenn ich auch schon längst mit den immer fortlaufenden Heftzahlen und den neuen Erzeugnissen im Perryversum nicht mehr mithalten kann, weder finanziell noch zeitlich, wenn ich auch längst nicht alle Silberbände besitze und mit manchen neuen Tendenzen in der Serie nicht so ganz einverstanden bin (das aber akzeptiere, denn alles verändert sich, warum nicht auch Perry Rhodan?), so kehre ich doch immer wieder gerne in dieses gigantische Multiversum zurück; so habe ich kürzlich ein neues Schlafzimmer bezogen und nach einigen Tagen war mir sonnenklar, dass meine Perry Rhodan- Sammlung natürlich in einem Regal gegenüber meiner Bettstatt ihren angestammten Platz beziehen muss. Und wenn ich denn einmal sterbe, und es gibt vielleicht eine Existenz nach dem Tod meines physischen Körpers, die es mir möglich macht, eine Dimension meiner Wahl zu erkunden/bewohnen, dann möchte ich nach Terrania City, gar keine Frage. Und endlich mal dem unsterblichen, ersten aller Terraner gegenüber stehen zu dürfen, das wäre was.

Weit von Perfektion oder Vollständigkeit entfernt, aber seit meiner Jugend mit Liebe gepflegt: Meine kleine PR-Sammlung.

***

Das perfekte Weihnachtsgeschenk: Perry Rhodan – Die Chronik 1961 – 1974, klick auf den Titel für die Bestellung.

Gut für interessierte Neueinsteiger: Perry Rhodan Neo. Die Geschichte von vorne, im Stil der heutigen Zeit. (für Kindle, oder hier als Hörbuch.)

25.000 Artikel können nicht irren: Die Perrypedia.

Und hier die offizielle Perry Rhodan-Seite.

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2 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. nice, ein schöner Tribut!

    Tatsächlich hatte ich als Kind 2 der Silberbände im Regal stehen. Doch ich habe mich immer nur an den exotischen Covern erfreut, weil ich noch zu jung war, um sowas zu lesen.

    Somit ist PR komplett an mir vorbei gegangen, was jedoch meiner Scifi-Affinität keinen Abbruch getan hat. ;-)

  2. Nur 2 Silberbände? Tz tz :-D Nein Scherz, sehr vielen ist und war Perry Rhodan ja auch immer zu kindisch (ich erinnere mich mit Magenweh an den lebensgrossen Mausbiber “Gucky” uaah); zum Glück hat unsere geliebte SF ja so dermassen viele Facetten!

    Es grüsst dich

    dein Docteur


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