Ab ins Hellboy-Universum.

Weil ich ja fest wie Baudrillard dran glaube, in einer simulierten Hyperrealität zu leben, folge ich sklavisch Zeichen, wann immer ich sie entdecke. Gestern zum Beispiel war ich am Flohmarkt und dort sichtete ich “zufällig” eine mega-coole, riesengrosse Hellboy-Puppe. Einige zähe Verhandlungen später war sie mein und bewacht seitdem meinen Arbeitsplatz.

Abgesehen von dem Bewusstsein, nun eine vielleicht sehr wertvolle Figur zu besitzen (was mir aber wirklich total egal ist), besteht das Zeichen in einem Wink, mich endlich mal mit dem Universum des von vielen gottgleich verehrten Mike Mignola auseinanderzusetzen. Die beiden Del Toro-Adaptionen von Hellboyfinde ich ja mega-genial, nur für ein Comic hat es noch nie gereicht.

Weil ich das Zeichen vielleicht schon vorausahnte, habe ich mir vor einiger Zeit bei Modern Graphics in Berlin, Kreuzberg diese Schwarte, diesen Ziegelstein, diese Bibel von einem Hellboy-Buch gekauft, weil man mir dort sagte, dass das für Einsteiger ganz genial sein soll.

Tonnenschwer: "Geschichten aus dem Hellboy-Universum".

Und das stimmt echt, nach 42 Seiten Lesevergnügen weiss ich nämlich, das ich jetzt schon ein Fan bin: Pulp! Noir! Verschwörung! Nazi-Okkultismus! Paranormale Erscheinungen! Die Zeichen, auch wenn (oder gerade weil) sie nur in meiner simulierten Realität funktionieren, lügen nie. Ich werde mich vertiefen und weiter berichten.

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Auch für dich: Geschichten aus dem Hellboy-Universum.

Die kosmische Saat.

Hintergrundmusik: Zu einem Artikel über kosmische Comics gehört kosmische Musik: Steve Hillage mit einem Ausschnitt aus Four Ever Rainbow.


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In den 1970er-Jahren, kaum nachdem die ersten Samen, die Woodstock gesät hatte, aufgegangen waren und noch bevor die 1980er mit ihrem quietschbunten Plastikgesicht und dem brutalen, kapitalistischen Innenleben alle Blumenbeete wieder niedertrampelten, hatte der Comicriese Marvel Zeit zu träumen.

Das waren äusserst kosmische Träume. Initiiert wurden sie von jungen, langhaarigen Männern, die zwar als die üblichen Fanboys mit den Comics der damaligen Zeit aufgewachsen waren, ebenso aber mit den Schrecken des Vietnamkrieges, der Ermordung politischer Leitfiguren und den revolutionären Ideen von Jack Kerouac, Allen Ginsberg, Timothy Leary und Carlos Castaneda. Diese damals bei Marvel beschäftigten Apologeten des Hippie-Zeitalters sorgten – zumindest für kurze Zeit – für einen fundamentalen Paradigmenwechsel in der im Silver Age etwas schrullig gewordenen Welt der Superhelden (ähnliches passierte zugleich in Hollywood, nachzulesen in dem mehr als empfehlenswerten Buch Easy Riders, Raging Bulls).

Spannende Freundschaft: Frank Zappa und Jack Kirby

Vorbereitet wurde das Age of Aquarius im Marvel-Style allerdings von einem, der seit der Steinzeit der Superhelden-Comics mit dabei war: Jack Kirby, manischer Zeichner, aufgewachsen in den 1920er-Jahren in einem der härtesten, multi-ethnischen Viertel New Yorks, bekannt geworden im Team mit Joe Simon als Erfinder von Captain America, und mit Stan Lee zusammen Schöpfer eines neuen, unheimlich erfrischenden Zugangs zu den fad gewordenen Abenteuern von Comichelden mit der Hypersoap Fantastic Four.

Kirby, der bis in die 1970er wie eine Maschine gezeichnet hatte, war mit seiner Entlohnung und den ihm vorenthaltenen Copyrights seiner Kreationen zunehmend unzufrieden geworden und war zum Rivalen DC Comics gewechselt. Dort verwirklichte er mit dem Fourth World-Zyklus und den New Gods seine bis dato zurückgehaltenen galaktischen Ideen und schuf so die Grundlage und Inspiration für die Kosmogonie, welche von den jüngeren Zeichnern und Autoren bald darauf bei Marvel aufgegriffen wurde.

Um das Thema noch ein wenig zu verdeutlichen: Science Fiction waren Superhelden-Comics ja sowieso von Anfang an, und mit Superman besass die Comicwelt ja auch einen galaktischen Superhelden, der allerdings bis dato immer hinter seinen eigentlichen Möglichkeiten zurückgeblieben war. Mit der Geburt der Fourth World wurde nun der Grundstein für megalomanischen, ausgeflippten Space-Wahnsinn im Comic-Format gelegt. Lass mich das mit der Musik der damaligen Zeit vergleichen: Kosmische Comics sind das Äquivalent zu den wahnwitzigen Visionen des kultigen Space Rock von Hawkwind oder der alle Formate sprengenden, hyperdimensionalen Songs von Yes.

Ein weiterer wichtiger Protagonist erschien auf der Bildfläche: Der in Missouri geborene Roy Thomas hatte in den 1960er-Jahren zusammen mit Jerry Bails ein Superhelden-Fanzine namens Alter Ego herausgegeben und war dann nach New York gezogen, um als Autor im Superhelden-Genre seinen grössten Fanboy-Traum zu verwirklichen. Nach einer kurzen, eher unappetittlichen Episode als Assistent des DC-Editors Mort Weisinger heuerte Thomas bei Marvel an und begann mit Stories für Doctor Strange und die Avengers seinen kosmischen Pfad zu ziehen.

Roy Thomas auf einer Convention 2010

Der sensible Thomas brachte einen neuen, hochpoetischen Stil in die bis dahin eher krude Welt der Actioncomics und veredelte unzählige Serien wie Nick Fury, Ghost Rider, Man-Thing, oder die X-Men. Seine wichtigste Schöpfung für das kosmische Genre war die Neuinterpretation von Him, später bekannt als Adam Warlock, der zum ersten Mal in den Fantastic Four-Heften von Kirby und Lee augetaucht war.

Thomas, damals laut späteren Aussagen ein hingebungsvoller Fan des Musicals Jesus Christ Superstar, schuf mit dieser Figur eine neuartige Mischung aus Magier und bekifftem Jesus-Klon, und stattete Warlock mit einer mysteriösen Macht aus, die weit über das hinausging, was Helden wie Superman bewirken konnten. Zur damaligen Zeit kämpfte Adam Warlock allerdings hauptsächlich um das Überleben einer speziell für ihn entwickelten Gegen-Erde, die von einem Super-Monster namens Man-Beast bedroht wurde.

Jim Starlin, Meister der kosmischen Comics

Kurz darauf betrat Jim Starlin die Comic-Bühne, und dieser Zeichner und Autor in Personalunion bescherte den Fans letztendlich die megalomanischsten kosmischen Abenteuer von allen. Starlin verdiente sich seine Sporen bei Spiderman und Iron Man, bevor er Gelegenheit bekam, mit den Abenteuern der bisher nur wegen diverser Rechte eingeführten Figur Captain Marvel (nicht zu verwechseln mit dem in “Shazam” unbenannten Fawcett Comics- und DC-Superhelden gleichen Namens) erste Meriten für die spätere kosmische Meisterschaft zu sammeln. Das Werk von Jim Starlin hier in aller Kürze zu beschreiben, ist fast unmöglich, denn mit ihm hielten auch äußerst komplexe Storylines Einzug, deren ganze Tragweite man meist nur verstehen kann, wenn man ihre verschlungenen Wege duch Myriaden von verschiedenen Heftausgaben und diversen Serien kennt.

Starlin erbaute sein eigenes, fast unendliches Universum auf den Fundamenten des Roy Thomas – Meisterwerks The Kree-Skrull War, der Fourth World von Kirby (dessen monumentalen Bösewicht Darkseid er durch Thanos ersetzte), durch das Umfeld des von ihm getöteten Captain Marvel und der Geschichte des Silver Surfer und Doctor Strange. Die zentrale Persönlichkeit Adam Warlock übernahm Starlin direkt von Thomas und stattete den Reservechristus mit einer heftigen Psychose und einer abgespaltenen Persönlichkeit aus. Die reiste in der Zeit voraus, nannte sich “Magus” und tat ausschließlich sehr böse Dinge, die wiederum vom guten Persönlichkeitsanteil bekämpft werden musste.

Die Serie wurde bald darauf eingestellt und ihre Hauptfigur noch rechtzeitig von Starlin höchstpersönlich unter die Erde gebracht. Aber eine so mächtige Persönlichkeit, ein so kosmischer Avatar lässt sich nicht so einfach terminieren und so verzog sich Meister Warlock in eine schummrige Ecke der astralen Sphäre und lauerte auf eine weitere Möglichkeit zu grossen Taten. In den 1990er-Jahren bekam Starlin zum Glück noch einmal eine Chance, seine kosmischen Fantasien an die Öffentlichkeit zu bringen, denn mit der Miniserie The Infinity Gauntlet lieferte er nichts weniger als DAS zeitlose Meisterwerk des kosmischen Wahnsinns im Comicformat ab. Hier wurde das vollbracht, was die Crisis on Infinite Earths von DC versprochen und nicht gehalten hatte – eine erschütternde Krise, die das gesamte Universum an den Rand des Abgrunds brachte und das zähe Ringen fast aller Superhelden des Marvel-Kosmos um eine mögliche Rettung.

Damit nicht genug – Jim Starlin, von Grant Morrison in seinem Buch Supergods als “Acidhead” bezeichnet, ging mit seinen Geschichten weit über das hinaus, was man sich als geübter Comicleser bis dahin vorzustellen imstande war; seine Geschichte von kosmischer Macht und dem Ringen gigantischer galaktischer Kräfte sprengte alle bekannten Grenzen dermassen, dass sein Zeichner George Pérez der Legende nach kurz vor Schluss entnervt aufgab und für das letzte Heft durch Ron Lim ersetzt wurde.

Seelenvereinigung zwischen Dr. Strange und Adam Warlock (Anklicken für grössere Ansicht)

Wer glaubt, dass ultrakomplexe Storylines und verrückte, esoterische Einfälle am laufenden Band erst seit Moore, Gaiman, Morrison und Co. existieren, sollte sich wirklich mal an The Infinity Gauntlet versuchen. Der Handlungsstrang wechselt konsequent nach jeder Doppelseite und man sollte sich vor der Lektüre zumindest ein wenig mit Seelenverschmelzung, astralen Sphären und kosmischer Mythologie befasst haben. Superhelden, so stark sie auch sein mögen, spielen in dieser kosmischen Schlacht gegen Thanos mit seinem “Infinity Gauntlet” nur eine untergordnete Rolle – nämlich die von schnell hingemetzelten Opfergaben, die bloß als das Vorspiel zu einer Auseinandersetzung unvorstellbaren Ausmasses fungieren.

Eternity vor dem "lebenden Tribunal" (Anklicken für grössere Ansicht)

Dann nämlich treten kosmische Entitäten ins Blickfeld, die so groß und für die menschliche Vorstellung so unbegreiflich scheinen, dass sie teilweise nur mehr Repräsentationen abstrakter Prinzipien sind (Liebe & Hass oder Ewigkeit), oder schlicht als Celestials (Überirdische) bezeichnet werden. Weiters hat man es mit einem lebenden Tribunal zu tun, mit dem Tod als sinistrer, hübscher Frau (Hallo, Neil Gaiman), einem recht unbeschreiblichen Ding namens Epoch (eine Art fliegender, riesiger Fratze mit leeren Augenhöhlen) und anderen, vermutlich von Starlin halluzinierten Seltsamkeiten.

Kostbare Reliquie: Das Infinity Gauntlet auf der Comic-Con 2010

Adam Warlock schließlich war für The Infinity Gauntlet von einem Planeten aus der Astralsphäre wieder in die bekannte Realität übergewechselt und erwies sich als Weltenretter, dessen Motive bis zum Schluß uneinsichtig blieben; das hatte den Grund , dass sein böses Zweit-Ich Magus in der Fortsetzung Infinity War eine Rolle spielen sollte; 2002 gab es dann auch noch ein wenig beachtetes, abschließendes Sequel namens Infinity Abyss.

Zur Zeit des Infinity Gauntlet war die kosmische Welle bei Marvel Comics allerdings schon längst nur mehr eine bizarre Fußnote; heute werden solche galaktischen Storys nur mehr von einer eingeschworenen Hand voll Fans verehrt. Doch gerade in den “modernen” Comics von Grant Morrison wie Doom Patrol, The Invisibles oder der Final Crisis finden sich unübersehbare Spuren dieser wilden, entgrenzten Art der Comicliteratur – etwas vom Saatgut der wilden Hippies in ihrer kurzen Epoche bei Marvel hat also doch überlebt und wunderbare Früchte getragen.

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Einkaufsliste:

The Infinity Gauntlet.

The Infinity War.

Doom Patrol.

Final Crisis.

Satanische Erinnerungen.

Mitte der 1990er-Jahre hatte ich so eine Art satanisches Erweckungserlebnis; wodurch das ausgelöst wurde, weiss ich heute aber nicht mehr. Jedenfalls war ich vorher introvertierter Jazzfan, verkaufte dann aber alle meine Jazzplatten, weil ich ein neues Musikgenre namens Death Metal entdeckt hatte. Das brachte mich auch dazu, meine Jeans abzuschneiden und mit dem Kugelschreiber Slogans wie “Godz Of Grind” draufzuschreiben. Die zugehörigen schwarzen T-Shirts mit den Totenköpfen und aberwitzigen Bandlogos besitze ich noch heute, leider passen sie mir aber nicht mehr so gut.

Ich erinnere mich noch an die entsetzten Gesichter meiner damaligen Freunde, als ich ihnen zum ersten Mal ein Video von Napalm Death vorspielte. Abgesehen vom schockierenden Lärm glaubte mir auch niemand, das ein Schlagzeuger so schnell spielen konnte – ich wurde verdächtigt, heimlich am Videoplayer die Taste für den schnellen Vorlauf zu drücken.

Und dann waren da Deicide, eine Band aus Florida mit satanischer Botschaft, deren Musik eine ganze Generation von Death Metal-Hörern geprägt hat. Deren Leadsänger Glen Benton hatte sich ein umgekehrtes Kreuz in die Stirn gebrandet und liess in Interviews verlauten, dass er “nicht im Flugzeug zu diversen Konzerten anreisen könne, weil er da dem Himmel zu nahe sei.” Das fand ich sehr unterhaltsam.

Satansbuben: Deicide

Neben dieser neuen wilden Musik und meinen ersten, im American Book Shop gekauften True Crime-Büchern begann ich mich nach langer Abstinenz auch wieder intensiv mit Comics zu beschäftigen. Das auslösende Element dafür war ein Heft, das mir ein Kumpel in die Hand drückte, und welches mich ohne Ende faszinierte: eine Ausgabe von Spawn Bloodfeud. Geschrieben war das von einem gewissen Alan Moore, der mir damals vollkommen unbekannt war und gezeichnet war es mit echtem Blut (so schien es mir jedenfalls) – auf den wenigen Seiten wurde dermassen viel Rot verwendet, das einem davon die Augen tränten.


Ohne dass es mir bewusst war, hatte es mit dem Auftauchen der Spawn-Hefte und der Produktionsfirma Image Comics in den 1990er-Jahren in der Comic-Szene einen abrupten Paradigmenwechsel gegeben, der meiner “Erweckung” nicht unähnlich war. Eine unzufriedene Gruppe von jungen Zeichnern und Autoren hatte sich aus finanzieller und kreativer Unzufriedenheit von Marvel gelöst und zusammen den Verlag Image Comics gegründet. Eigentlich war dieser Schritt aber auch eine Antwort der Amerikaner auf die damals vorherrschenden, “klugen” und selbstreferentiellen Bildergeschichten britischer Autoren, wie Grant Morrison in seinem wegweisenden Buch “Supergods” schreibt.

Todd McFarlane

Dieser Arschtritt in Richtung britischer Invasion war ein Befreiungsschlag mit unabsehbaren finanziellen Folgen; quasi über Nacht erlangte Image Comics Kultstatus mit Absätzen, von denen die Dinosaurier Marvel und DC nur träumen konnten. Todd McFarlane, Jim Lee, Marc Silvestri und Rob Liefeld ersannen kurzweilige, blutige Horrorstories, die in dieser brutalen Direktheit bis dahin nicht einmal nach der Befreiung von der Zensurklaue des Comics Code gedruckt worden waren und mutierten innerhalb kürzester Zeit zu gefeierten Superstars.

Diese Verehrung genossen sie allerdings hauptsächlich unter jungen Metal-Fans, die nach einer graphischen Umsetzung der Texte und Musik ihrer Metal-Bands gedürstet hatten. Anhänger klassischer Comics und ältere Semester wiesen (zu Recht) auf die Mängel in den Image Comics-Erzeugnissen hin: Der Zeichenstil war übertrieben und wenig ausgefeilt, McFarlane und vor allem Rob Liefeld zeichneten nicht mit anatomischer Korrektheit, sondern übertrieben bis zum Exzess. Männer hatten irrwitzig aufgeblähte Muskeln, Frauen bestanden hauptsächlich aus riesigen Brüsten, winzigen Taillen und langen Storchenbeinen. Feuchte Visionen, von der Bubenfantasie im Kinderzimmer direkt ins Comicheft übertragen sozusagen.


Die Stories waren wenig ausgefeilt und klischeebeladen. Mich hat es immer so fasziniert, dass die Macher solcher Horrorgeschichten mit all ihren höllischen Dämonen gleich wie die satanischen Death Metal-Bands eigentlich sehr gläubig im christlichen Sinne waren – denn man muss Gott als Konzept ja erstmals annehmen und ihm unendliche Macht zubilligen, um dann Heerscharen von Abgesandten aus der Hölle gegen ihn ankämpfen zu lassen.


Am stärksten zeigte sich das bei Spawn, einem Dämon wider Willen, der nach seinem Tod einen faustischen Pakt eingegangen war, um die Liebe seines früheren Lebens wiederzufinden, nur um im Endeffekt bemerken zu müssen, dass er betrogen wurde; es ist halt immer die selbe alte Geschichte, wenn man sich mit dem Leibhaftigen einlässt.

Spawn war aber auch eine modifizierte Version von Batman, welcher wohl das grosse Vorbild von McFarlane’s Visionen war. Man merkt dies an dem Cape, dem düsteren Auftreten, der Getriebenheit und der nie weichenden Verzweiflung/Resignation. Auch Spawn war ein unerbittlicher Rächer, im Gegensatz zu seinem Vorbild allerdings war er imstande, seine Gegner zu töten; auch das vermutlich ein Paradigmenwechsel in der Geschichte der Comics.

Der Niedergang von Image Comics kam schnell; die Macher waren im Endeffekt mehr an ihrem aufwendigen Lebensstil interessiert, als die von Fans erwarteten Abgabetermine einzuhalten. Ich stelle mir vor, dass die Image-Macher, statt zu zeichnen, mit Vorliebe die First-Person-Shooter von id Software spielten, einer Firma, die durch gewalttätige Games wie Castle Wolfenstein, Doom und später Quake zu grossem Reichtum gelangt war und deren blutjunge Designer wie John Romero einen aufwendigen, neureichen Lebensstil pflegten.

id Software in ihrer grossen Zeit. In der Mitte: John Romero

Nach dem ausbleibenden Erfolg und gerichtlichen Streitigkeiten lösten sich die in Image Comics eingebetteten Studios wie Top Cow und Wildstorm samt ihren Inhabern von ihrem Stammverlag; Todd McFarlane hielt durch und wurde durch die Gründung von McFarlane Toys zum Multimillionär. Und obwohl er “Spawn” zwischenzeitlich an andere Autoren abgegeben hatte, gibt es  die Comicserie immer noch, man mag es kaum glauben. Diesem Dämonen konnte keine Verjährung, kein Gerichtsverfahren, nicht einmal die grottenschlechte Hollywoodverfilmung etwas anhaben. McFarlane hat die Serie vor einiger Zeit wieder übernommen und im Jänner dieses Jahres die 200. Ausgabe herausgebracht. Die wurde von Kritikern verlacht und war nichtsdestotrotz über Nacht ausverkauft. Spawn ist halt so wie Jason Vorhees (siehe vorheriger Artikel) einfach kaum totzukriegen.

Noch immer da: Spawn in seiner 200. Ausgabe.

Spawn – Die deutsche Fanseite.

History Of Death Metal auf musicradar.com.

Spawn-Sammlung auf Holzboden.

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Die Killer sind tot.

Wenn unsere Erde am 21.12. 2012 oder sonst irgendwann ihre finale Katastrophe erwartet, könnten nicht nur die Küchenschaben überleben, sondern auch Jason Vorhees. Der ist nämlich dermassen unkaputtbar, der wäre sogar imstande, das vielerorts gefürchtete Ende des Maya-Kalenders zu überstehen.

Das sind allerdings nur die fieberhaften Träume eines Slasher-Movie-Connaisseurs, denn eigentlich hat der Mainstream meinem hochverehrten Herrn Vorhees schon 2009 den modrigen Hals für immer umgedreht. Wie es dazu kam, muß ich hier unbedingt erzählen.

Jason Vorhees, Slasher-Ikone.

In den unzähligen Sequels der Freitag der 13.-Reihe wurde uns Fans ja immer wieder suggeriert, dass Jason eine vollkommen unzerstörbare Wesenheit ist. Ich erinnere mich daran, dass er mehrmals mit einer Axt getötet, ertränkt oder durch Chemikalien zersetzt wurde. Mindestens genau so oft wurde er allerdings von unfreiwilligen oder manchmal auch bewusst agierenden Helfern wieder in seine untote Existenz auf Erden zurückgeholt, zum Beispiel durch gigantische Elektroschocks, ausgelöst durch Gewitter oder durch in Gewässern verlegte elektrische Kabel.

Nicht Jason, sondern Roy Thomas als Copycat Killer (aus "Freitag der 13. - Ein neuer Anfang"), 1985

Konnte er mal für gewisse Zeit gar nicht wiederauferstehen, trat sofort ein Copycat-Killer als interimistischer Ersatz in Erscheinung. Aber Jason schaffte es dann doch immer irgendwie (von welch finsterer Dimension auch immer) zurückzukehren und weiterhin sein blutiges Todeshandwerk in seiner berühmten stoischen Art zu verrichten. Diese Wiedererweckungen hatten manchmal sogar eine übersinnliche, schwarzmagische Komponente. In “Jason goes to Hell: The Final Friday” entdeckte er die Gabe, Besessenheit auszulösen, und hüpfte so von einem menschlichen Bewußtsein zum Nächsten, um seine Mordlust zu befriedigen.

Dagegen wäre sogar HAL machtlos: Jason killt in einem Raumschiff.

Jason entkam ausserdem aus der Hölle, und wem sonst ist das schon gelungen? In dem grandiosen Epos “Jason X” bekam seine Resurrektion dann überdies so richtig geile Science Fiction-Elemente verpasst: Da wurde er nämlich mittels Kryotechnik tiefgefroren und sollte mit einem Raumschiff ins All gebracht und dort ausgesetzt werden. Logischerweise entkam und slashte er, erwachte nach seinem erneuten Tod durch die tapfere Crew unter Mithilfe von Nanotechnik als Cyborg und landete schließlich als “Uber Jason” (Kein Scherz!)  auf einer neu besiedelten Erde 2. Wahnsinn.

Clash Of The Titans: "Freddy vs. Jason" (2003)

Jason’s allergrösste Zeit allerdings kam mit dem Film danach: Ein glücklicher Franchise-Zusammenschluß diverser Produktionsfirmen bescherte uns Fans mit dem fantastischen Meta-Epos “Freddy vs Jason” die Zusammenlegung von A Nightmare On Elm Street und Freitag der 13. – die ultimative Vereinigung zweier heissgeliebter Horrorfilm-Universen.

Vermutlich weil der beschriebene Science Fiction-Plot zu kompliziert aufzulösen war, verlegte man Jason nun in eine surreale Traumwelt. Von Freddy Krueger wiederbelebt, sollte er mittels ausgesuchter Morde Angst und Schrecken verbreiten, damit Krueger an Stärke gewinnen konnte und so viele Opfer wie möglich in seine eigene Dimension bekam. Der krallenbestückte Serienmörder mit dem bekannten gestreiften Pulli hatte allerdings schon bald keine Kontrolle mehr über die titanisch-schwarze Urgewalt Jason Vorhees und so kam es letztendlich zu einem aberwitzigen Showdown, der logischerweise nicht zu Gunsten von Krueger ausging.

Freddy vs. Michael vs. Jason - das wär ein Traum gewesen!

Meine Crossover-Fantasie war nach diesem Meisterwerk dermassen beflügelt, dass ich mir die wildesten Duelle ausmalte: Jason gegen Michael Myers zum Beispiel, oder gegen Leatherface. Weitere Kanditaten: Pinhead, Chucky, Norman Bates oder Ghostface – da hätte ich mir dann sogar so richtige Tag-Teams wie im Wrestling vorstellen können, mit gigantomanischen, weltenzerstörenden Cagefights.

Kaputtmacher: Michael Bay

Doch plötzlich drohte den unzerstörbaren, von Fans heiliggesprochenen und hingebungsvoll verehrten  Slasher-Ikonen großes Unheil – und zwar in der Gestalt des untalentiertesten und gleichzeitig mit den grössten Budgets ausgestatteten Hollywoodmogul Michael Bay. Dieser moderne Ed Wood hatte es sich nämlich in den Kopf gesetzt, all diese in Ehren ergrauten Killer in “modernisierten” Varianten für schnelles Geld zu vergurken. Und das ist ihm leider auch vollkommen gelungen: die von ihm produzierten Neuinterpretationen von Klassikern wie Texas Chainsaw Massacre, The Hitcher, Freitag der 13. und schließlich auch noch A Nightmare On Elm Street waren dermassen schlecht, dass sie alte Fans zum Weinen brachten, gleichzeitig aber auch noch die anvisierte, junge Zielgruppe um Kilometer verfehlten.

Kaputtmacher 2: Rob Zombie

Und der als vielversprechender Fanboy gestartete (und eigentlich von mir sehr geschätzte) Sänger/Regisseur Rob Zombie verhunzte mit seinem zweiten “Halloween”-Remake ausserdem noch den armen Michael Myers, in dem er ihn in einem vollkommen weinerlich-absurden Machwerk schlußendlich die Maske abnehmen ließ – damit war auch diese Legende endgültig zerstört, dankeschön.

Nur ein trauriger, bärtiger Mann: Tyler Mane als Michael Myers ohne Maske

Was also nicht einmal zahllose Polizisten, Priester oder der Leibhaftige selbst schafften, nämlich die grusligsten Film-Serienkiller endgültig unter die Erde zu bringen, gelang sich für smart haltenden Hollywoodyuppies mit Leichtigkeit, in dem sie diese einfach der Lächerlichkeit preisgaben. Das haben Jason und Michael, Freddy und der gute alte Leatherface einfach nicht verdient.

Vor wenigen Tagen erreichte uns die Meldung, dass man nun doch wieder einen neuen Freitag der 13.-Streifen drehen wolle, obwohl ein weiteres Sequel nach dem furchtbar gefloppten Michael Bay-Remake in den vergangenen Jahren gar nicht mehr zur Debatte stand. Und weil man nun anscheinend nicht mehr so genau weiss, was man mit Jason Vorhees anfangen soll, hiess es, der Film solle eine Mockumentary im Stil von “Blair Witch Project” oder “Paranormal Activity” werden. Gott behüte! Ausgelutschter geht es dann schon wirklich nicht mehr. Lasst den Jason doch in Frieden ruhen! Die Hard-Fans wie euer Docteur träumen mit den vergangenen zwölf Freitag der 13.-Teilen lieber von der ruhmreichen, blutigen Vergangenheit der amerikanischen Slasher-Movies.

Alle Masken, die Jason jemals getragen hat (Bild von www.bloody-disgusting.com)

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Rendezvous mit Superhelden.

Weil ich vor einigen Tagen auf der Zugfahrt von Graz nach Wien ein X-Men-Heft gelesen habe, habe ich in der folgenden Nacht gleich unheimlich intensiv von denen geträumt. An den genauen Inhalt des Traumes kann ich mich nicht mehr erinnern, aber die wichtigste Botschaft weiss ich noch: Die X-Men würden demnächst in der realen Welt erscheinen.

Nun habe ich mir natürlich schon als Kind nichts sehnlicher gewünscht, als dass meine damaligen Helden Spinne, Grüne Leuchte oder Supie selbst plötzlich irgendwie in meine Welt kommen und mich beschützen oder auf eine ihrer Missionen mitnehmen würden; als ich meine Comics allerdings mit zunehmender Pubertät gegen Taschenbücher von J. D. Salinger, Kerouac und Bukowski eintauschte, waren bald alle Sehnsüchte nach einem Rendezvous mit meinen Superhelden vergessen.

Nun würde der Wechsel dieser Superhelden von ihrem papierenen 2D-Universum in unsere Welt ja sowieso einige peinliche Fragen aufwerfen und überhaupt unabsehbare Katastrophen nach sich ziehen. Grant Morrison zitiert in seinem blitzgescheitem Buch “Supergods” eine Kurzgeschichte aus dem Jahr 1971, in welcher der SF-Schriftsteller Larry Niven sich getraut, die wirklich brennenden Fragen zu stellen: Geht Superman aufs Klo? Und wenn er seine Energie aus der Sonne bezieht und somit keine Rückstände in seinem Körper zurückbleiben, die ausgeschieden werden müssen, besitzt er überhaupt dementsprechende, ähem, Öffnungen? An diesen einfachen Beispielen erkennt man schon, mit welch fundamentalen Schwierigkeiten Superhelden in unserer Welt zu kämpfen hätten.

Davon abgesehen, wären ihre Kostüme für diverse Einsätze mehr als ungeeignet, da sie in den Zeichnungen hauptsächlich dem Effekt dienen. Mit wenigen Ausnahmen wären zum Beispiel die langen, wehenden Capes diverser Helden im Kampf ein unglaublicher Nachteil, weil sie sich darin verheddern würden oder an irgendwelchen Hindernissen hängenblieben. Ganz schlimm wären solche “Schmuckstücke” wie die Flügelsymbole an den Ohren und Stiefeln von Flash – immerhin könnten seine Gegner in der Realität darüber in Lachkrämpfe ausbrechen und so mit einem gewissen Überraschungsmoment überwältigt werden; den Gegner durch Lächerlichkeit besiegen hat zwar eine wunderbare pazifistische Note, ist in der Realität aber vermutlich undurchführbar.

Und überhaupt: Stell dir mal vor, was es bedeuten würde, wenn die Helden ihre Superkräfte einsetzen würden, das würde ja Schäden immensen Ausmasses verursachen. Gebäude würden dem Erdboden gleichgemacht, Menschen würden sterben – wären die Superhelden dann so eiskalt und so von ihrer Mission überzeugt, um dies als “Kollateralschaden” hinzunehmen? Garth Ennis hat dieses Problem übrigens unter anderem in seinem großartigen Meta-Comic “The Boys” zum Thema gemacht.

In der 2D-Welt der Comics akzeptieren wir Superhelden, da sie gegen virtuelle Superschurken kämpfen und wir das alles von unserem gemütlichen Standpunkt als Beobachter betrachten. In der Realität würde jeder einigermassen einer politischen Gesinnung fähige Mensch Schreikrämpfe bekommen, wenn ein Superpatriot wie Captain America anfangen würde, im Weltgeschehen herumzupfuschen. Die Tea Party plus alle hirnlosen US-Naivlinge würden solche Einsätze natürlich klasse finden, aber was wäre die Folge? Möglicherweise würden dann die Chinesen einen noch viel stärkeren Superhelden erschaffen; welcher von beiden wäre dann aus welcher Sicht der Held, welcher der Schurke? Mit Leichtigkeit malt sich die Fantasie hier ein Schreckensszenario aus, wo wildgewordene Übermenschen in patriotischen Kostümen auf verbranntem, atomisiertem Wasteland ihre schrecklichen Kämpfe austragen.

Der bereits erwähnte Grant Morrison dreht das Reale Superhelden-Thema auf geschickte Weise um, in dem er sich mittels diverser “magischer” Techniken selbst in deren 2D-Welt hineinbegibt. Seine Annahme eines solchen, mit der Realität koexistierenden Universums zwischen Buchdeckeln gründet auf der originellen Folgerung, dass die Arbeit der unzähligen Comiczeichner und Autoren plus die rege Teilnahme der Fans in den vielen Jahrzehnten nach Siegel und Shusters erstem Superman-Comicstrip in den 1930er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts so etwas wie ein rudimentäres Bewusstsein in jener Welt enstehen habe lassen; dazu würden natürlich auch die einmal aufgestellten und mehr oder minder sklavisch befolgten Regeln der Kontinuität und die viele Energie beitragen, welche tagtäglich in jenes Comic-Universum quasi injiziert würden.

Damit ist Morrison im Einklang mit den Bemühungen Hollywoods, uns mittels diverser Kinofilme und Serien die reale Existenz paralleler Universen näherzubringen. Es ist sowieso spannend, mitzuverfolgen, wie sensibel eine riesige Kinoindustrie auf eigentlich von der Allgemeinheit verlachte, “esoterische” Themen reagiert; man denke nur an die entsprechenden Streifen zum Thema Apokalypse 2012 oder die in jüngster Zeit sich rasant vermehrenden Erzeugnisse, welche die Ankunft Ausserirdischer auf der Erde zum Gegenstand haben.

James Kakalios

Auch an Superhelden-Filmen herrscht dieses und nächstes Jahr wahrhaft kein Mangel. Das Thema interessiert aber abseits von Hollywood mit seinen irrwitzig teuren Blockbustern inzwischen auch die Mainstream-Medien immer mehr, gerne wird zum Beispiel anhand des Buches “Physik der Superhelden” des amerikanischen Professors James Kakalios darüber spekuliert, wie gut denn solche Superkräfte in unserer materiellen Welt funktionieren könnten.

Der Verschwörungstheoretiker in mir fragt sich also: worauf sollen wir hier mittels medialer Infiltration vorbereitet werden? Wer Jon Ronson’s grandioses Buch “Männer die auf Ziegen starren” gelesen oder dessen (leider eher untergegangene) Verfilmung gesehen hat, weiss, dass das US-Militär seit vielen Jahrzehnten versucht hat, mit mehr oder weniger grossem Erfolg einen Supersoldaten zu erschaffen, dessen Fähigkeiten denen von Superman und Co. nicht unähnlich sind; wer Lust daran hat, sich in den Theorien zu vergraben, was die CIA und die russischen Geheimdienste bisher zu dieser Thematik geleistet haben, kann sich gerne durch die zwei PSI-Superhelden und Paraspione-Artikel auf meinem Obskuristan-Blog hier und hier wühlen.

Ob es nun also im Geheimen bereits Superhelden gibt, kann man an dieser Stelle natürlich nur unbeantwortet lassen. Soviel ist zumindest sicher: Neben Jugendlichen und uns Comicnerds gehören natürlich auch die Militärs aller Welt zu den eifrigen Lesern einschlägiger Literatur. Und es gibt eine wachsende Anzahl “normaler” Menschen, die sich Superhelden-Kostüme anziehen und mit eher durchwachsenem Erfolg versuchen, auf den Strassen ihres Viertels für “Recht und Ordnung” zu sorgen. Ein ausgezeichnetes Porträt dieser Leute bietet die Superheroes-Dokumentation des US-Senders HBO.

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Das brauchst du:

Grant Morrison: Supergods: What Masked Vigilantes, Miraculous Mutants and A Sun God From Smallville Can Teach Us About Beeing Human

Jon Ronson: Männer die auf Ziegen starren: Die US-Armee, absurde Experimente und der Krieg gegen den Terror

Garth Ennis: The Boys

James Kakalios: Physik der Superhelden

Dr. Tods Höllenfahrt oder die Wiederkehr des Gruselromans.

Comicfreaks, die sich mehrmals am Tag gegenseitig anrufen, um sich zu erzählen, was Batman schon wieder im neuesten Trade XY widerfährt, oder welche irre Parallelwelt Grant Morrison in seinem allerneuesten Werk erschaffen hat, müssen natürlich immer wieder damit rechnen, vom Rest der sich für “erwachsen” haltenden Menschheit schief angesehen oder verlacht zu werden.

Da gibts dann schon auch mal so Aussagen wie (mir persönlich passiert): “Meinst du nicht, dass du schön langsam zu alt zum Comiclesen bist?” Ha! Was wissen solche Ignoranten schon von der unglaublichen Komplexität und Reife der meisten Comic-Erzeugnisse? Oder davon, was solche bunten oder schwarz/weissen Bilder mit deinem Hirn anstellen, wenn du dich auf Geschichten von Alan Moore oder Neil Gaiman einlässt? Das ist eine noch junge, unglaublich starke Form von Magie, ein Transportmittel in Sphären, in denen wir zuvor noch niemals waren.

Es gibt aber etwas, das noch weniger Ansehen geniesst – die allerniedrigste Form von Trivialliteratur, der Heftroman. Gerade der aber hatte es mir (wie so vielen anderen) in langen Spannen meines Heranwachsens angetan; das heute fast schon vergessene Genre des Gespensterkrimis war meine grosse Leidenschaft.

Nie werde ich die unzähligen dünnen Heftchen mit den schundigen Gruselcovern vergessen. Mit glühenden Ohren verfolgte ich die Abenteuer von Larry Brent, Professor Zamorra, Tony Ballard, Macabros oder später John Sinclair. Da waren Stunden in verstaubten Antiquariaten, wo man sich durch Tonnen dieser Erzeugnisse wühlte, die Nummern der Heftromane mit mitgebrachten, handgeschriebenen Listen verglich, um der Oma am Tresen dann einen Teil seines sauer erkämpften Taschengeldes hinzublättern.

Das Papier und der Druck waren so billig, dass man immer graue Fingerkuppen vom Umblättern bekam. Das war egal, jedes neuerworbene Heftchen verprach neue Attacken durch Untote, Hexen, Vampire, Geister oder schrecklichen Monster. Die Hölle war in diesen Romanen immer gut organisiert, bereit, nach der Herrschaft des Lichts zu greifen – zum Glück gab es immer einen markigen, verflucht gutaussehenden Helden, der mittels Talismanen, Amuletten, geweihten Silberkugeln oder einfach nur mit seinen Fäusten den bösen Monsterbuben das Fürchten lehrte.

Nebenbei hatte der auch immer fantastische Assistentinnen, meist rothaarig, mit “unergründlich tiefgrünen Augen” und selbstverständlich mit einer absoluten Traumfigur. Und die wollten einfach immer Sex haben, sie waren vernarrt in den Geisterjäger! Der aber hatte wichtigeres zu tun (die Welt retten eben) und nur manchmal wurden die heissen Blicke und Verführungskünste erhört.

Vor einiger Zeit hatten ein paar Freunde und ich so einen Sentimentalitätsanfall und wollten wieder die Gespensterkrimis unserer Kindheit lesen, dieses Gefühl von damals wieder einfangen (die anderen waren etwas vorsichtiger als ich und kauften sich ein oder zwei Hefte, während ich in einem Antiquariat gleich eine halbe Tonne Gruselromane erwarb). Nun, es kam wie es kommen musste – verzweifelt versuchten wir, bei dem unglaublich miesen Geschreibsel und den unfassbar hohlen Sätzen nicht in hysterische Lachkrämpfe zu verfallen; dieser Mythos aus vergangenen Zeiten hatte sich leider endgültig entzaubert.

Natürlich waren Heftromane schon immer schlecht geschrieben, als Jugendlicher bemerkte man das nicht oder es war einem egal, die Fantasie war eben bereit, sich beim geringsten Anstoß zu entzünden. Damals fanden wir sowas normal: “Was will ich mit der Axt? Warum habe ich sie geholt? Was soll das bedeuten?” Adam Brooks stellte sich die Frage flüsternd, als er aus dem Auto stieg. Sein Gesicht glich einer bleichen Maske. Nur die Augen lebten. Doch auch sie zeigten keinen normalen Blick mehr, in ihnen loderte sowas wie ein dunkles Feuer. Es schien wie ein Antrieb für den Mann mit der Axt zu sein. Seinen Wagen hatte er verlassen und schaute sich nun um. Etwas zwang ihn, die Gegend zu erkunden, in der er seine Zeichen hinterlassen würde. Es gab den Befehl, und er konnte sich nicht dagegen wehren...” (Jason Dark, Geisterjäger John Sinclair, “Gedanken des Grauens”) Heute gelingt es selbst mit grösster Willensanstrengung nicht mehr, aus solch hölzernen Sätzen auf Schulaufsatzniveau noch das geringste Quentchen Atmosphäre heraus in seinem Kopf zu erzeugen.

Klar, die Autoren hinter diesen Werken waren eben keine Schriftsteller mit einer Mission; hinter Dan Shocker, Bob Fisher oder Jason Dark verbargen sich hart arbeitende Menschen, die unter anderen Pseudonymen auch Western-, Liebes-, Heimat-, Ärzte-, oder Fürstenromane schrieben. Und das im Schnelldurchlauf, denn bezahlt wurde ganz sicher nicht nach der Genialität des abgelieferten Epos, sondern nach der Anzahl der Buchstaben. Mein Lieblingspseudonym von damals übrigens ist Henry Ghost, der für die kurzlebige Serie OCCU schrieb; dahinter verbarg sich niemand anderer als der Gesundheitsexperte Hademar Bankhofer, der heutzutage im österreichischen Nachmittagsfernsehen Ernährungstipps gibt.

Hademar Bankhofer, früher "Henry Ghost", heute Gesundheitsexperte im Fernsehen.

Was mich allerdings weiter beschäftigt hat, war der Gedanke, ob man nicht im Rahmen so eines Schundheftchens wirklich entgrenzte Literatur schreiben könnte – also sowas wie eine Verbindung aus amerikanischen Hardboiled/Noir-Tugenden mit Szenarien aus Filmen wie Saw oder Hostel. Und tatsächlich gibt es in letzter Zeit erste Versuche diverser Autoren und Verlage, den Heftroman auf anderem Niveau wiederzubeleben.

Zum einen ist da der relativ junge, erfrischende Verlag des hochverehrten Netzmagazins Evolver: Evolver Books hat neben grandiosen Werken wie “The Nazi Island Mystery” und “Scott Bradley  - Blondinen, Blobs und Blasterschüsse” auch ein tatsächliches Schundheft im Programm, das sich mit dem herrlichen Titel Super Pulp schmückt und dessen Inhaltsangabe den Connaisseur wirklich scharf macht: “Was passiert, wenn Robo-Terroristen einen intergalaktischen Schnellzug überfallen? Wenn eine einsame Militärfestung von einem uralten Schamanenfluch ereilt wird? Und wenn Kay Blanchard als Studentin durchs zerbombte Beirut gejagt wird? Wir kennen die Antwort – und beleben das gute alte Schundheft wieder.

Wahnsinn: Melchior von Wahnstein...

Zum anderen ist mir vor einiger Zeit ein im Verlag Prequel (Edition Grotesque) erschienenes Heft aufgefallen, dessen mysteriöser Autor mich alleine mit seinem Pseudonym Melchior von Wahnstein sofort zu begeistern wusste. Laut autobiographischen Angaben sei dieser “der letzte Nachkomme eines verrufenen Geschlechts aus den düsteren Wäldern der Obersteiermark, lebe vom Familienerbe und übe sich in der Kunst des Auralesens und der Psychometrie.” Ich hatte inzwischen Gelegenheit, den Autor kennenzulernen, darf allerdings keine näheren Angaben machen, da Wahnstein angeblich Leiter regelmäßig stattfindender okkulter Riten ist, in denen er “mit der Geisterwelt” kommuniziert; und wie wir wissen, scheuen Mitglieder oder gar Meister/Großmeister magischer Zirkel oder Orden ja eher die Öffentlichkeit.

Sein Heft jedenfalls, “Im Netz der Betörung”, als Erstlingswerk einer fortlaufenden Reihe namens Omen, ist ein süchtigmachendes Gebräu aus Mystery und heissen Sexszenen. Immer bleibt Wahnstein im Duktus des Schundromans – und transzendiert ihn doch lustvoll und virtuos mit jedem Satz. Das fühlt sich dann an wie “Der Engel vom westlichen Fenster” in heftiger Kopulation mit Fanny Hill. Oder so ähnlich.

Die Story von “Im Netz der Betörung” ist neben der erregenden Handlung auch gleichzeitig eine Einführung in die faszinierende Welt einer Geheimorganisation namens Pantherion, welche ihren Sitz unter dem Schloßberg, dem Wahrzeichen der steirischen Hauptstadt Graz hat, und von dort aus mit den nötigen High-, bzw. Low-Tech-Waffen tapfer gegen Eindringlinge und Monster aus fremden Dimensionen kämpft.

Pantherion: Das Team

Pantherion ist auch der Titel einer gerade im Entstehen begriffenen Mysteryserie. Aber dazu ein anderes mal mehr, denn da gibt es sehr viel zu erzählen…

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Die Jungs hier von Gruselromane.de sind echte Nerds.

Im Netz der Betörung” kann man unter der Mailadresse prequel@chello.at zum Preis von 2, 20 € plus Versandkosten bestellen.

Evolver.

Pantherion.

Nostalgie.

Bevor wir uns hier in aktuelleres Comic-Geschehen stürzen, ein verklärter Blick zurück auf die Institutionen, welche unsere Superhelden-infizierte Kindheit geprägt haben: der Bildschriftenverlag mit seinen Hit-Comics, Ehapa und der Condor-Verlag. Von den späten 1960er- bis weit in die 1980er-Jahre hinein waren diese drei die einzige Möglichkeit für uns, an dem aufregenden Leben von Superman, Batman und Co. zu partizipieren, denn wer hatte schon die Möglichkeit, sich die amerikanischen Originale zu besorgen?

Früher Altpapier, heute wieder Sammlerobjekt.

Wie auch bei unzähligen Filmen der damaligen Zeit wurde da alles für den deutschen Sprachraum zurechtgestutzt und zurechtgebogen. Die klangvollen englischen Namen von Superman und Batman wurden kurzerhand zu Supie und Bats verändert, Spiderman wurde zur Spinne, Flash zum Roten Blitz, der unglaubliche Hulk wurde zu Beginn noch “Halk” genannt; legendär auch die X-Men, die auf deutsch zu den X-Männern und später zur Gruppe X mutierten (sic).

Wenn man die heutigen Comics mit den damaligen einschlägigen Erzeugnissen vergleicht, kommt man nicht umhin, unglaubliche Mängel zuzugeben: Die Bindung war dermassen miserabel, dass die kleinen Büchlein oftmals bereits beim ersten Aufschlagen auseinanderfielen. Die Colorierung war ungenau und verblichen. Die Schrift in den Sprechblasen war seltsam gesetzt und war immer in der gleichen öden Schreibmaschinen-Typo verfasst.

Naja, und dann das Problem mit der Continuity. Auf diversen Webseiten mit umfangreichen Datenbanken bemühen sich heutzutage einige Verwegene, die amerikanischen Marvel & DC- Storys von damals mit ihren deutschen Pendants zu vergleichen. Ein mehr als schwieriges Unterfangen; in die kleinformatigen Bücher wurde nämlich standardmässig die Handlung von gleich fünf(!) Originalheften gequetscht, die aufgrund des beschränkten Platzes dermassen gekürzt wurde, dass ganze Story-Arcs nicht mehr als solche erkennbar waren. Und natürlich wurden auch die Texte der originalen Sprechblasen gekürzt und verändert.

Wir ältergewordenen Comic-Fans sind froh, dass die heutigen Übersetzungen der amerikanischen Trades mit unglaublicher Sorgfalt erstellt werden, oftmals übertrifft die Papierqualität und Farbintensität sogar die amerikanischen Originale. Und doch möchten wir die qualitativ minderwertigen Erzeugnisse unserer Kindheit keinesfalls missen (in meinem Fall habe ich vor einiger Zeit sogar begonnen, die Comics von damals wieder in Antiquariaten und auf Flohmärkten zu erwerben).

Das hat damit zu tun, dass Bats, Supie, die Spinne und der Mächtige Thor damals Eindrücke in uns heraufbeschworen, die absolute Initialerlebnisse waren. Ob es der erste Blick eines Freundes in einer Tabakwarenhandlung auf ein noch nie gesehenes Heft mit Batman am Cover war, das erste Entdecken eines anderen Freundes des Unglaublichen Hulk und der Fantastischen Vier während des damals obligatorischen Badeurlaubes mit der Familie in Jesolo und Bibione, oder mein erstes Mitfiebern mit einem aufregenden Kampf der Spinne gegen den grünen Goblin oder den fantastischen Dr. Octopus – da ging die Tür zu einer unfassbar bunten, süchtigmachenden Parallelwelt auf, die sich für die meisten von uns bis zum Ende unseres Lebens (und darüber hinaus, wer weiss?) nie mehr schliessen wird.

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